Als die Pest wütete

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Herzogenaurach. Im Jahr 1347 wurde Mitteleuropa von einer großen Pestepidemie heimgesucht. Diese Seuche breitete sich von Konstantinopel (Istanbul) rasend schnell aus und ist in Europa auch als der „Schwarze Tod“ bekannt geworden. Selbst im kleinen beschaulichen Herzogenaurach litten die Menschen unter dieser Seuche.

Als Ursache für diese Epidemie galten vor über 650 Jahren „eine durch die Meeresküste und durch Sümpfe eingesperrte Luft (besonders auch aus engen Bergtälern eingeschleppt), daneben sollten schlechte (verdorbene) Nahrungsmittel, der Genuss halbfauler Fische, schlechte und ranzige Speisen, verdorbenes Trinkwasser und schließlich auch das Zusammenleben in engen, nassen Hütten, worin die „Hautkultur“ (Hygiene) vernachlässigt wird“. Die moderne Wissenschaft hat schließlich festgestellt, dass die Seuche, die sich hauptsächlich in großen schwarzen Beulen äußerte, durch Rattenflöhe übertragen worden ist. Rund 25 Millionen Menschen, also etwa 30% der damaligen Bevölkerung fielen der Epidemie zum Opfer.

Die frommen Menschen des Mittelalters nahmen an, dass solche Unglücke von Gott als Strafe für die sündigen Menschen ausgesandt seien. Man isolierte die Kranken und bezeichnete sie als „Sondersiechen“; wenn möglich wies man einheimischen Kranken eigene Wohnungen oder Häuschen zu (Siechenhäuser). In Herzogenaurach wurde ein solches bereits 1347 vor der Stadt gegenüber dem späteren Liebfrauenhaus errichtet.

Für die Erkrankten gab es strenge Vorschriften: nur Einheimische durften noch hier leben bleiben; fremde von der Seuche Befallene wurden aus der Stadt verwiesen. Die Verbliebenen mussten auf Kosten der Angehörigen mit Hut, langem grauem Mantel, Schelle und Bettelsack im Umkreis des Häuschens leben, denn sie waren aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Man las ihnen die Totenmesse, so, als wären sie bereits verstorben. Der Priester ging mit seiner Gefolgschaft zum Haus des Erkrankten, der ihn mit einem schwarzen Tuch bekleidet an der Tür erwartete.

Das Gesicht des Aussätzigen musste zugedeckt sein wie bei einer Leiche. Nach einigen Gebeten ging die Prozession zur Kirche und der Aussätzige folgte dem Priester in einiger Entfernung. Er musste sich in ein erleuchtetes Trauergerüst stellen, das wie für einen Verstorbenen vorbereitet war; hierauf wurde das Requiem gehalten (die Totenmesse). Der Befallene wurde beräuchert und mit Weihwasser besprengt, bevor er wieder aus der Kirche geführt wurde. Sodann ermahnte der Priester ihn zur Geduld und verbot ihm, sich Menschen zu nähern, bei einem Kauf etwas anzurühren, bis die Sache sein Eigentum sei und sich allzeit „unter dem Wind zu halten“ (so zu stellen, dass der Wind ihn nicht in Richtung des Ansprechpartners anblasen könne) sowie zu klingeln, wenn jemand ihn anrede. Der Erkrankte musste immer mit einer Decke bekleidet sein, vor allem wenn er aus dem Haus kam, um Almosen entgegen zu nehmen. Er musste versprechen, aus keiner Quelle oder aus einem Bach zu trinken, als dem, der vor seinem Haus floss. Mitgebrachte Nahrung musste er über einen Napf entgegennehmen, der an einem langen Stock befestigt war, er musste Handschuhe tragen, wenn er über Brücken und Stege ging und zuletzt dem Pfarrer versprechen, sich nicht ohne Erlaubnis „in die Ferne zu begeben“.

Nach dieser Prozedur nahm der Pfarrer eine Schaufel Erde vom Gottesacker (der damals immer an der Kirche lag), legte sie dem Aussätzigen auf das Haupt mit den Worten „Das geschieht zum Zeichen, dass Du tot bist für die Welt, drum sei geduldig in deinem Herzen!“

Verstarb ein Pestkranker in seinem Häuschen, so wurde dieses samt seiner Leiche, seinen Kleidern und Gerätschaften angezündet und verbrannt.

Anmerkung: Die Darstellung aus dem Jahr 1656 „Der Doktorschnabel von Rom“ zeigt einen Pestarzt, der in einen langen Mantel gehüllt und mit einem Hut versehen ist. Vor dem Gesicht trägt er eine vogelartige Schnabelmaske, in der wohlriechende Kräuter steckten (Minze, Rosenblätter), die vor dem Einatmen verseuchter Luft und vor dem Geruch der Pestkranken schützen sollten. Die „Pestärzte“ waren meist Scharlatane, die sich bei den Angehörigen der von der Pest Befallenen bereicherten, mit dem Versprechen zu der Genesung der Erkrankten beitragen zu können.

Klaus-Peter Gäbelein
Autor: Klaus-Peter GäbeleinWebsite: https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus-Peter_G%C3%A4beleinE-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
1. Vorsitzender Heimatverein Herzogenaurach
Klaus-Peter Gäbelein (Pseudonym: Klaus Bedä) ist ein deutscher Autor, Historiker, Kolumnist, Mundartdichter und Moderator mit einem Schwerpunkt auf fränkischer Geschichte und Brauchtum sowie fränkischer Mundart. Er ist der Verfasser zahlreicher Werke zu Themen der Regionalgeschichte Frankens, dem fränkischen Brauchtum, sowie von Schulbüchern. Seit 1981 schreibt Gäbelein regelmäßig Artikel für die Regionalteile der in Herzogenaurach (Mittelfranken) erscheinenden Tageszeitungen und seit 1992 die Glosse „Do dud dä fei deä Oäsch weh!

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