Von Armut, Krankheit und "armen Seelen"

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Zur Sanierung des Seelhauses

Herzogenaurach. "Der Franz aus der Nachbarschaft, das is a arma Seel´!  Diese Worte meiner Großmutter klingen mir noch heute in den Ohren.  Und wenn ich von "einer armen Seele" höre oder lese, dann habe ich spontan das Herzogenauracher Seelhaus vor Augen.

Doch was haben "arme Seelen" mit dem frisch restaurierten Gebäude mit mächtigen, vorrkragendennden Walmdach am Herzogenauracher Kirchenplatz mit dem genannten Begriff zu tun? Der genannte Franz, dieser arme Kerl, war schlichtweg eine ,"arme Seele" , weil er in Armut lebte, genauer gesagt, "dahinsiechte", kaum genug zu essen hatte und in abgetragenen, alten Kleidern oder Lumpen daherkam. Er hatte  zum Leben und zum Sterben schlichtweg zu wenig, "die arme Seel´"

Als Seelhaus  wurde ursprünglich ein Gebäude bezeichnet, das zum Heil  (Wohl) einer bestimmten Seele gestiftet wurde und zur Aufnahme Bedürftiger dienen sollte, später auch ein Haus, das aus Mitteln einer solchen Stiftung gebaut wurde. Das Seelhaus war auch eine Herberge für Pilger, sowie (in Herzogenaurach) für unvermögende oder kranke Menschen, insbesonders für Frauen aus der unteren Bevölkerungsschicht, die keine Heiratsaussichten hatten oder länger erwerbslos  im Ort ansässig waren. Fremde durften durften in diesen Herbergen ohne Genehmigung nicht beherbergt werden. Frauen, die gegen die Hausordnung mehrfach verstoßen haben, wurden aus der Herberge verwiesen und erhielten teilweise sogar das Aufnahmegeld wieder zurück.

Das Herzogenauracvh Seel- und Siechenhaus (siech bedeutet krank, bettlägrig oder an einer langwierigen Krankheit leidend) diente seit dem 15. Jahrhundert als Herberge für bedürftige oder kranke Duchreisende; später durften auch die Armen der Stadt darin wohnen. Verschiedene Heimatforscher, u.a. Luitpold Maier, Bernhard Dietz und die Leiterin des Stadtmuseum Irene Lederer haben zuletzt über die Insassen und auch über die Baugeschichte des Hauses geforscht (Foto!).

Seel- oder Armenhäuser, auch als Pilgrimsherbergen bezeichnet, trugen sich ursprünglich durch das Stiftungskapital, das von wohlhabenden Bürgern gespendet worden war. In unserem Fall  konnte  nach etwa 100 Jahren dieser Stiftungszweck nicht mehr erfüllt werden, das Geld war aufgebraucht und die Stadtväter widmeten die Herberge in ein Armenhaus um, in dem ursprünglich vier bedürftige Frauen eine "lichtfreie Wohnung" erhielten. Ihren Lebensunterhalt durften sie durch Almosensammeln in der Stadt betreiben. In das Haus wurden , laut Luitpold Maier, in erster Linie Bürger oder Bürgerskinder aufgenommen: so 1615 Hans Groß "Torwart unterm Stegtor (=Ansbacher Tor) samt seinem Weib wegen Alters und Unvermögenheit. Im Februar 1618 brachte man ein zweijähriges Findelkind in das Seelhaus,. Die Stadt zahlte wöchentlich 10 Kreuzer als Unterhalt.

1519 betreute die Seelhausfrau Margaretha z.B. eine Insassin, nämlich die "närrische Christina", die den Rest ihres Lebens in einem "Narrenhäuslein" , einem hölzernen Käfig verbringen musste. 1618, im Jahr als der 30jährige Krieg ausbrach, fand man ein zweijähriges Kind, das auf Kosten des Rates im Seelhaus  "gewartet" (betreut) wurde, bis man Pflegeeltern fand. Auch Behinderte wurden im Seelhauis aufgenommen und gepflegt, wie der Sohn von Veit Cuntz," der an Händen und Füßen behindert  war" oder die Tochter von Hansen Bauer, die einen "krummen Fuß" hatte  und "ziemlich elendig war".

Der Herzogenauracher Amtmann Valentin Körber stellte 1650 fest: "Es hatz auch des ortths ein Seelhaus uf dem Kirchhof (der erste Friedhof/Kirchhof war um die Pfarrkirche angelgt wurde erst ca. 1820 verlegt = heutiger "Alter Friedhof")...darin arme leuth  da, deren dahier gelangen  über Nacht beherbergt werden...und sind jetzigewr zeit  zwei arme Personen neben einer Seelhausfrau(en9 darin - haben nichts denn die Herberg , müssen.... Allmoßen sambeln."

(Weitere Beispiele : Die Tochter von Hans Daubmann sollte  im April  1615  sollte 1615 ein Bett für das übliche Schlafgeld erhalten, aber ihren Unterhalt "ufn Land außer der Stadt suchen". Die "alte Bierknöcklin , 1619 aufgenommen, durfte alle drei Almosen in der Stadt sammeln.1619 bis 1622 wurde die "Siechkunigund" wiederholt aufgefordert, ihre Hühner abzuschaffen, sonst müsse sie mit "ihrer persönlichen Abschaffung rechnen".Da sie der Aufforderung nicht nachkam, wurde ihr uintersagt, Geiß und Hühner tagsüber aus dem Siechhaus zu lassen.)

Im 18. Jahrhundert  hatte das Seelhaus als Armenhaus oder Herberge für Bedürtige ausgedient. Es wurde von Privatpersonen gekauft, ebenso das angrenzende Gebäude (heute Engelgasse), das einst ein Zimmermann besessen hat.  Man schätzte seinen Wert  auf 200 Gulden. 1762 wurde das Anwesen durch den Bürgermeister und den Rat durch Kauf des genannten  angrenzenden Anwesens in der Engelgasse vergrößert.  In den 1930er Jahren wurde das Anwesen renoviert und restauriert. Unter Stadtbaumeister Hans Motzer  wurde das Fachwerk freigelegt und  die beiden Gebäude (Kirchenplatz  Haus  Nr. 168 und Engelgasse 172) wurden  mit einem gemeinsamen Dach versehen.

Klaus- Peter Gäbelein

Klaus-Peter Gäbelein
Autor: Klaus-Peter GäbeleinWebsite: https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus-Peter_G%C3%A4beleinE-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
1. Vorsitzender Heimatverein Herzogenaurach
Klaus-Peter Gäbelein (Pseudonym: Klaus Bedä) ist ein deutscher Autor, Historiker, Kolumnist, Mundartdichter und Moderator mit einem Schwerpunkt auf fränkischer Geschichte und Brauchtum sowie fränkischer Mundart. Er ist der Verfasser zahlreicher Werke zu Themen der Regionalgeschichte Frankens, dem fränkischen Brauchtum, sowie von Schulbüchern. Seit 1981 schreibt Gäbelein regelmäßig Artikel für die Regionalteile der in Herzogenaurach (Mittelfranken) erscheinenden Tageszeitungen und seit 1992 die Glosse „Do dud dä fei deä Oäsch weh!

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