Schießhaus und Schützenverein

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1399 – 2019

Herzogenaurach. Quizfragen in den Medien sind allseits beliebt. Heute eine solche Frage an unsere Leser: „Welches ist der älteste Herzogenauracher Verein und wie alt ist er? Es ist kein Gesangsverein, kein Ballsportverein, auch nicht der Turnverein: - es ist eine „SIE“, die Schützengilde von 1399. Seit sage und schreibe 620 Jahren gibt es „ sie “als den ältesten Verein der Stadt und vor 50 Jahren ist das einstige Domizil der Schützen, „das Schießhaisla“ am Aurachufer der Spitzhacke zum Opfer gefallen. Über Jahrhunderte war es Treffpunkt und Übungsstätte der hiesigen Schützen.

Seit 1348 hatte URAHA Stadtrechte erhalten und damit durfte sich der Ort auch auf eine Bürgerwehr stützen, welche die Stadt, ihre Bürger und deren Rechte schützen sollt, im Ernstfall mit Waffengewalt. Aber nicht wie heute in den USA ging es hier zu, wo sich jedermann bewaffnen darf. In unseren Territorien war es Ehre und Pflicht zugleich, die Stadt, ihre Bürger und deren Habe vor Übergriffen zubewahren.

Für die wehrfähigen (waffenfähigen) Männer war es selbstverständlich, diese Schutzfunktion zu übernehmen. In Friedenszeiten war die Bürgerwehr nicht notwendig, - aber man konnte ja nicht wissen….Und so bildeten sich allerorts aus den Reihen der Bürger Wehrverbände, die den Zweck hatten, auch in Friedenszeitenihre Mitglieder im Gebrauch der Waffen aus- und weiterzubilden. Es entstanden die „Schützengilden“. Gilden waren einst der Zusammenschluss von Handwerkern der gleichen Branche und sie standen für das Zusammengehörigkeitsgefühl und die gleichen Interessen. Man verstand sich als „Bruderschaft“ und stellte sich unter den Schutz des heiligen Sebastian, der den römischen Bogenschützen am Marterpfahl getrotzt haben soll.

Geschossen wurde im 14. Und 15. Jahrhundert mit der Armbrust, die trotz der Einführung der „Feuerbüchse“ und deren Gebrauch im 30jährigen Krieg (1618 – 1648) als die vornehmere Waffe galt. Die Oberaufsicht über die hiesigen Schützen übte die Stadtverwaltung aus. Sie organisierte die jährlichen Schützentreffen und setzte für die besten Schützen auch Preise aus. Wie Heimatforscher „Poldi“ Maier herausgefunden hat, wurden die „Schießgesellen“ mit Speis und Trank, bisweilen auch mit Ehrenpreisen bedacht. Hierzu gehörten Herzogenauracher Tuche für Hosenstoffe, metallene Becher oder „Schilder“, wohl so etwas wie die Plaketten bei den heutigen Schützenketten.

Der Schulmeister, einer der wenigen, der des Lesens und Schreibens kundig war, führte genau Buch über die Schießergebnisse. Die Schützentreffen fanden an bestimmten Feiertagen statt, wie 1488 am Laurentiustag (10. August). Und immer wieder zog es die Schützen auch nach auswärts zu Wettbewerben: nach Höchstadt, Forchheim, Bamberg oder „Neuenhaus“ (Neuhaus).

Ende des 16. Jahrhunderts wurde das Schützenwesen dann in geregelte Bahnen gelenkt. Man verbot „Kugelplätze“, also wilde Schießplätze innerhalb der Stadtmauern ebenso wie das Schießen auf Hühner, Enten oder Gänse. Man stellte den „Schießgesellen“ den Wasen (die Wiese) zwischen Sandtor (Nürnberger Tor) und der Aurach zur Verfügung. Hier wurde dann auch das „Schießhäuslein“ errichtet, das nach mehrfachem Umbau bis vor 50 Jahren stand. Nach einer größeren Erweiterung 1771 wurde das Schießhaus 1864 als Wohnhaus an Johann Wegner verkauft.

Bereits vorher waren (in der napoleonischen Ära ab 1806) die Schützenkompanien aufgelöst worden, bevor sie nach dem 1. Weltkrieg eine Renaissance erlebten. Das „Schießhaisla“ aber hatte Bestand, auch wenn seine Bewohner oftmals wegen des Hochwassers der Aurach nur per Kahn ihr Domizil erreichen konnten (heutiger Standort wäre unterhalb des Busbahnhofs). Lange Jahre lebte die Familie Farnlucher im Schießhaus (später im Steinweg 5). Später diente es der Familie Bittel als Wohnhaus und deren Tochter Gretel Schaub erinnerte sich vor Jahren noch: Es war nur ein kleines Häuschen mit zwei Zimmerchen und einer großen Wohnküche. Markantes Wahrzeichen war der prächtige Birnbaum vordem Haus.“

Im Wahlkampfjahr 1970, als Bürgermeister Maier im Urlaub weilte, ließ sein Stellvertreter (Dr. Welker) das Schießhaus abreißen. Wie Hans Maier später betonte, hätte er dem Abbruch niemals zugestimmt. Heute würde das Schießhaus sicher unter Denkmalschutz stehen und einen weiteren malerischen Anziehungspunkt von Herzogenaurach bieten.

Und was blieb von den Schützen? 1920 fand noch ein regelmäßiges Königsschießen statt. Im 1. Weltkrieg wurde dies unterbrochen und 1937 wurde der Schützenverein von den Machthabern aufgelöst und nach dem Krieg konfiszierten die US-Besatzer alle Schusswaffen von Herzogenaurachern. Doch die Sportschützen ließen sich nicht entmutigen. 1951 begann man mit dem Luftgewehrschießen, startete 1952 ein Königsschießen und schoss schließlich im Saal der Gaststätte „Steigerwald“ in der Engelgasse. 1968 begann der Bau des heutigen Vereinsheims in der Nutzung, wo man heute noch zu Hause ist und seit 1976 nach der Sommerkirchweih zu einem zweitägigen Schützenfest einlädt.

Klaus-Peter Gäbelein

Klaus-Peter Gäbelein
Autor: Klaus-Peter GäbeleinWebsite: https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus-Peter_G%C3%A4beleinE-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
1. Vorsitzender Heimatverein Herzogenaurach
Klaus-Peter Gäbelein (Pseudonym: Klaus Bedä) ist ein deutscher Autor, Historiker, Kolumnist, Mundartdichter und Moderator mit einem Schwerpunkt auf fränkischer Geschichte und Brauchtum sowie fränkischer Mundart. Er ist der Verfasser zahlreicher Werke zu Themen der Regionalgeschichte Frankens, dem fränkischen Brauchtum, sowie von Schulbüchern. Seit 1981 schreibt Gäbelein regelmäßig Artikel für die Regionalteile der in Herzogenaurach (Mittelfranken) erscheinenden Tageszeitungen und seit 1992 die Glosse „Do dud dä fei deä Oäsch weh!

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