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Montag 10 Okt 2022
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Bier, Bierstreik und Bierkrawalle

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Herzogenaurach. "Aufruf! An das gesamte biertrinkende Publikum in Herzogenaurach", so lautete die Schlagzeile einer Anzeige im Herzogenauracher Tagblatt (1910) wenige Jahre vor Ausbruch des 1. Weltkriegs. Was war die Ursache für diesen Aufruf? Nun die Verbraucher, sprich die Biertrinker, wehrten sich gegen eine Bierpreiserhöhung von 56 auf 58 Pfennige für den Liter Bier. Die Bierbrauer, Gastwirte und Gewerkschaften hatten zusammen mit der Gastwirte-Innung beschlossen die neue Gemeindebiersteuer von 2,60 Mark ganz und gar auf den Endverbraucher abzuwälzen. In dem genannten Aufruf heißt es , dass dies in "ganz hartnäckiger Weise abgelehnt wird" und dem Verbraucher nichts weiter übrigbleibt, "als zur Selbsthilfe zu greifen."

Und weiter heißt es: "Es wird deshalb ab  morgen Sonntag Bierstreik proklamiert! Herzogenauracher, Geschäftsleute, Arbeiter und Arbeitslose! Die Gerechtigkeit ist auf Eurer Seite -  Haltet zusammen! Lasst auf einige Wochen das Biertrinken vollständig sein! Die beiden Gewerkschaftskartelle." Und in einer anderen Anzeige  heißt es "An die Gesamteinwohnerschaft von Herzogenaurach und Umgebung richten wir das höfliche und dringende Ersuchen durchzuhalten um jeden Preis!"

Im übrigen brachten die extrem heißen Tage im Sommer 1910 die guten Vorsätze der Streikenden ins Wanken, In der Tageszeitung war zu lesen: "Stärker als der Wille der Boykottierenden hat sich die Hitze und der dadurch erzeugte Durst erwiesen", denn es gab viele geheime Sünder, die sich am Bier labten. Und es wird überliefert, dass Frauen und Kinder teilweise unter ihren Kleidern bzw. Röcken  und in Körben unter dem Gemüse versteckt heimlich Bier in die Wohnungen brachten.

Von Krawallen bezüglich von Bierpreiserhöhungen erfahren wir auch aus anderen Gegenden Deutschlands. 1873 rebellierten die Bürger von Frankfurt/Main wegen einer "unerhörten Preiserhöhung von 4 auf 41,5 Kreuzer , 1894 dauerte eine Berliner Bierboykott acht Monate und Ähnliches gilt für Bamberg, als man 1910 den Preis die Halbe von 10 auf 11 Pfennige anhob.  Es gab Tumulte!

Aber nicht nur die Herzogenauracher begehrten vor über 100 Jahren auf: Bierkrawalle  scheinen ein typisch deutsches Phänomen zu sein oder zumindest gewesen zu sein.  Dabei ging es in der Regel entweder um die Qualität des "Volksnahrungsmittels", meist aber um den Preis, bisweilen auch um die Belieferung der Städte mit fremdem, sprich auswärtigem Bier.  So zerschlugen die Herzogenauracher Bierbrauer beispielsweise Fässer mit auswärtigem Bier, als die Fuhrwerke aus dem benachbarten Veitsbronn und Siegelsdorf die Stadt beliefern wollten. 1960 traten rund 6 000 Mitarbeiter der Maxhütte in Sulzbach-Rosneberg in einen 32-stündigen Streik, weil man ihnen kraft Gesetzes den Bierkonsum am Arbeitsplatz einschränken wollte.

Anders dagegen in den Glashütten im Frankenwald in den 70-er Jahren. Hier hatte man versucht.  den Arbeitern an den Glasöfen statt Bier andere Getränke für ihre schweißtreibende Arbeit zu verordnen. Aber weder Mineralwasser noch Obstsäfte oder Mixgetränke aus Saft und Wasser halfen gegen den Flüssigkeitsverbrauch und schon gar nicht Milch, die laut ärztlicher Auskunft dem  Magen nicht bekamen, so dass die Betriebsleitung weiterhin verbilligtes, subventioniertes Bier am Hochofen zur Verfügung stellte.  Hier traf der Werbespruch einer großen Brauerei im wahrsten Sinne des Wortes zu, der da lautete: "Durst wird durch Bier erst schön!"

Werfen wir einen Blick zurück auf die Bierpreisentwicklung.Im Inflationsjahr 1923 stieg der Bierpreis von 140 Mark für den Liter unaufhörlich und erreichte im November 1923 die Schwindel erregende Summe von 520  Milliarden Reichsmark. Erst nach Einführung der Rentenmark beruhigte sich das Szenario: Der Preis für die Maß pendelte sich bei 46 Pfennigen ein, stieg aber bis zum Ausbruch des Krieges auf 60 Pfennige.

Und wie sieht es heute aus im Bierparadies Franken? Mehr als ein Drittel (über 200) der noch aktiven Braustätten in Bayern (ca. 600) finden wir in Ober- und Mittelfranken. Wobei Oberfranken deutlich die Nase vorne hat. Und seien wir ehrlich, liebe Biertrinker und Biergenießer: wo ist das bier noch preiswerter als bei uns. Wenn ich hier in einer Brauereigaststätte oder auf einem der Bierkeller die Halbe noch für zwei Euro eingeschänkt bekomme, dann ist für mich als Biertrinker die Welt ebennoch in Ordnung und gleich bekomme ich "an sakrischen Durscht"!

Klaus-Peter Gäbelein

Klaus-Peter Gäbelein
Autor: Klaus-Peter GäbeleinWebsite: https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus-Peter_G%C3%A4beleinE-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Koordinator für den Steinweg
Klaus-Peter Gäbelein (Pseudonym: Klaus Bedä) ist ein deutscher Autor, Historiker, Kolumnist, Mundartdichter und Moderator mit einem Schwerpunkt auf fränkischer Geschichte und Brauchtum sowie fränkischer Mundart. Er ist der Verfasser zahlreicher Werke zu Themen der Regionalgeschichte Frankens, dem fränkischen Brauchtum, sowie von Schulbüchern. Seit 1981 schreibt Gäbelein regelmäßig Artikel für die Regionalteile der in Herzogenaurach (Mittelfranken) erscheinenden Tageszeitungen und seit 1992 die Glosse „Do dud dä fei deä Oäsch weh!

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