Bäckerinnung

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Bäckerinnung Herzogenaurach

Aus dem Protokollbuch der Bäckerinnung
 
Zum 1. Todestag der Brotkarte
15. Oktober 1924
 
Paul Kern , der 2007 verstorbene „Pizza Paul“ und Mentor der Herzogenauracher Bäcker und Gastwirte war lange Jahre auch Schriftführer der hiesigen Bäckerinnung. In seinem Nachlass befand sich ein Protokollbuch der Innung aus den 20-er Jahren.

 

Das Jahr 1923 hatte dem Deutschen die schlimmste Inflation aller Zeiten beschert. Die Preise stiegen bis zum Herbst in schwindelerregende Höhen; Geldscheine in Milliarden- und Billionenhöhe waren im Umlauf, die Notenbanken kamen mit dem Drucken der Geldscheine nicht mehr nach und die Stadt Herzogenaurach durfte ihre eigenen Geldscheine drucken. Im Oktober 1923 wurde die Rentenmark als neue Währung ausgegeben und ein Jahr später wurden schließlich die Brotkarten, die während des 1. Weltkriegs eingeführt und für jede Familie ausgegeben worden sind, eingezogen.
Im Folgenden wird der glossierte Eintrag aus dem Protokollbuch wiedergegeben:
„Sang- und klanglos ist vor einem Jahr die Brotkarte zu Grabe getragen worden. Nicht einmal der Garmanier-Verband (damit ist wohl eine Art Gourmet Verband gemeint) erwies ihr die letzte Ehre , trotzdem sie seine Glieder doch fast neun Jahre lang in anerkennenswerter Weise bedrückt und geschinakelt (geärgert) hat. Das war ein Zeichen für die Beliebtheit , der sie sich bei Lebzeiten innerhalb des Reihen dieses Verbandes erfreut hat. Nun da sie schon ein Jahr lang unter der Erde liegt, wollen wir hier ihres Todes in Freude gedenken..............................ihr Leben und  Streben, ihr Sterben und Verderben an unserem geistigen Auge vorüberziehen lassen. Die Brotkarte war ein Kind der deutschen Not. Sie war geboren im Jahr 1915 zu Spree-Athen (=Berlin). Ihr Vater hieß Krieg, ihre Mutter Blockade, ein sauberer Sprössling der noch viel saubereren Familie Entente. Schon in ihrer frühesten Jugend begann sie dem deutschen Volk den Brotkorb höher zu hängen und jedem sein Stückchen Schwarzbrot vorzuschreiben. Bei dem arbeitenden Volk ebenso wie bei den Bäckermeisterinnen und Bäckermeistern war sie nicht besonders beliebt. Bei den ersteren deshalb, weil sie ihnen ihr Brot zum großen Teil nahm. Da ihr Vater Krieg die meiste Zeit nicht daheim war, bekam sie einen Vormund, der hieß Konsumverband. Beide hielten zusammen wie Pech und verstanden es ausgezeichnet, sich beim Brot kaufenden   wie auch beim Brot produzierenden Publikum verhasst zu machen, denn sie bliesen beide in ein Horn, nämlich ins Bockshorn. Ihr ständiger Begleiter war die deutsche Not. Man sah sie im allgemeinen nicht gern und war man froh, wenn einer sie hatte. . Sie war eben ein notwendiges Übel und diesen armen Hascherln geht’s allen so: Man mag sie nicht und doch ist man froh, wenn man sie hat. Als ihr Vater Krieg im Jahr 1918 zu Grabe getragen wurde, hoffte man, dass auch sie ihr kümmerliches Dasein bald aufgibt. Doch diese Hoffnung erwies sich als trügerisch. Wohl wurde sie etwas freigebiger und gab jedem einpaar Gramm Brot mehr, doch genug war auch das noch nicht und Schieber und Hamsterer trieben mit ihrer Zwillingsschwester , der Reisebrotkarte einen wilden Handel. Im Jahre 1921 zog man ihr einige Machtzähne aus, indem man die halbfreie Mehl- und Brotwirtschaft einführte. Neben dieser vegetierte sie bis zum 15. Oktober vorigen Jahres weiter, bis sie dann endlich  - und gerade in der schwersten Zeit für alle, die mit ihr zu tun hatten, ihren Geist aufgab. So ruhe denn in Frieden Du Kind der deutschen Not. Du bist von uns geschieden Doch hat dein früher Tod Uns gar nicht so betrübt Denn du warst nie geliebt.     Heinrich Bauer Bäckermeister Bauer : heute Filiale „der Beck“-
Autor: AdministratorE-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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