Klirchweih in Herzogenaurach

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Herzogenaurach. „Die Sommerkirchweih in Herzogenaurach muss 2020 wegen der Corona-Epidemie“ ausfallen!“ Diese Nachricht hat die Herzogenauracher vor Wochen bis ins Mark getroffen. Ein Sommer ohne das geliebte Fest in den schattigen Weihersbach- Anlagen, - unvorstellbar! Keine Geselligkeit mit Freunden oder Gästen, keine Brotzeit in fröhlicher Runde und kein Bier „aus hohlen Steinen“ wie es einst ein Zugereister aus dem fernen Preußenland einmal formuliert hat, - für viele Herzogenauracher brach eine Welt zusammen!

Dem Franken ist die Kirchweih, „die Kerwa“, also seine 5. Jahreszeit heilig! Man stelle sich vor, man nimmt den Rheinländern ihren „Karneval oder ihre Fasenacht!“ Unvorstellbar und nicht auszudenken!

Kirchweihen in Franken, so auch die hiesige „Kerwa“ gehen in ihrer Tradition bis ins Mittelalter zurück. Unser Wort Kirchweih“ zählt zu den ältesten Begriffen im deutschen Sprachgebrauch. Die Sprachforschung kann den Begriff zurückverfolgen bis ins Althochdeutsche. Mit der Christianisierung der Germanen ab dem 6. Jahrhundert ist das Wort „chirichwihi“ in unsere Sprache eingegangen. Im Laufe der Jahrhunderte wurde es abgewandelt zum mittelhochdeutschen „kirchwihe“ im Süddeutschen, während man im Altbayerischen oder im Österreichischen eher vom Kirchtag spricht.

Ursprünglich war damit der der Festtag zur Erinnerung an die Weihe eines Gotteshauses gedacht und selbstverständlich an die weltliche Feier aus diesem Anlass. Spätestens seit dem 15. Jahrhundert drückt das Wort aber auch so etwas aus wie „Jahrmarkt oder Volksfest“. Der im Mitteldeutschen geprägte Ausdruck „Kirmes“ ist im gleichen Zusammenhang entstanden. Unter der „kirchmesse“ verstand man also „die zur Einweihung der Kirche gelesene Messe, dann auch die Erinnerung daran und letztlich in Bezug auf die weltlichen Belustigungen solcher Feste den Jahrmarkt und das Volksfest selbst“.

Zur Kirchweih, seit frühesten Zeiten ein üppiges Fest, das mehrere Tage dauern konnte: Am Mittwoch vor dem eigentlichen Festtag wurde in der Regel ein Schwein geschlachtet und es wurde gebacken. In unserem Landkreis und in der Umgebung waren die “Küchla, Kiechli oder Kigli“; die Vornehmeren sprachen von Krapfen und meinten damit die „Ausgezogenen“, die „Kniekigli“, die am besten über einem großen Knie ausgezogen worden waren.

Dass zu Hause gefegt und geputzt wurde, versteht sich von selbst.

Was die Festlichleiten außerhalb der Kirche angeht, so folgte am Samstag die große Stunde der Ortsburschen. Sie fuhren in den Wald, um einen möglichst hohen Fichtenstamm, den „Kerwasbaam“ zu fällen und einzuholen. Mit Musikbegleitung, unter Jauchzen und Jodeln wurde der Baum dann mit bunten Bändern geschmückt – meist in den Frankenfarben rot und weiß, -wurde vor das Gotteshaus oder in das Ortszentrum, zum Kerwasplatz bzw. in die Nähe der Kirche gefahren. Die Funktion des Kirchweihbaums ist nicht – wir oft irrtümlich behauptet, heidnischen Ursprungs, sondern galt als äußeres Zeichen und als weithin sichtbares Rechtssymbol zurück: auf den Kirchweihschutz und den Marktfrieden. Den Kirchweihfrieden zu stören oder zu brechen galt als übe Misse- und Frevelttat, weswegen häufig ein Marktkreuz errichtet bzw. eine Marktfahne gehisst wurde und dabei musste die Kerwa ausgegraben werden, so wie sie am Ende der Kirchweih auch wieder eingegraben wurde. Beim Ausgraben zogen die Ortsburschen mit leeren Maßkrügen und einem geschmückten Leiterwagen durch den Ort, denn sie mussten ein am Ortsrand verstecktes Fass Bier aufspüren. Zur Belohnung für all die Mühen, führten die Burschen am Abend die Mädchen zum Tanz.

Am späten Sonntagnachmittag oder am Montagmorgen zogen die Burschen erneut, diesmal mit Hüten am Kopf und Kerwasschürzen angetan von Haus zu Haus. Hier wurde das ein oder andere Musikstück gespielt und es wurden oftmals derbe Lieder gesungen. Von den Bewohnern erhielten die Burschen dann „Kichli“ oder Kuchen, bisweilen auch „Kerwasgeld“.

Ein Kerwalied aus dem Herzogenauracher Ortteil Haundorf hatte folgenden Wortlaut:“Wos isn do drin und wos schaut´n do raus? Des ius a Tröpfla Bier und es sauf mer goär aus……schaut nauf auf des Berckla, schaut nauf auf die Höh, schaut nauf auf die alten Weiber, wie´s blecken die Zeh (Zähne zeigen)….Auf Karassiern bin i ghan ga, hab´s nunigscheit kennt, bin in Saischdall neikumma, hob die Suggerli rumgschbrengt…..“ (karassieren = flirten , poussieren).

Man nahm sich und andere Kerwasburschen auf den Arm und mancher bekam dabei seine Schandtaten zu hören, er „bekam sei Fett weg“, was oftmals gar nicht so leicht zu verkraften war, erfuhren andere doch von den Schwächen oder Schandtaten.

Am Kerwas-Montag wurd abends der „Betzn raustanzt“. In einer Gaststätte ode dem eigens errichteten Tanzboden tanzten Mädchen und Buben um den Ehrenpreis; dies war entweder der „Betz“ selbst oder eine materielle Sach- oder Geldspende. In den Nachkriegsjahren konnte das sogar ein Kaffeeservice sein.

Der Gewinn des „Betzn“ konnte aber auch teuer zu stehen kommen, denn der Sieger musste Freibier spendieren.

 

Herzogenaurach: Martini- und/oder Sommerkirchweih ?

1002 ist Herzogenaurach erstmals urkundlich erwähnt worden. Als „ur-aha“ (sprich ur-acha) lernen wir es kennen: zu deutsch „Auerochsen = ur“ „Wasser = acha) taucht es in den Schriftstücken auf. Die Bezeichnung für fließendes Wasser = Ache finden wir heute noch in zahlreichen Flussnamen: Salzach, Loisach usw.

Das früheste Zeugnis für das Bestehen einer Kirche in Herzogenaurach, einer Martinskirche, finden wir 1126. Es war die Zeit (ab dem 8./9. Jahrhundert) als man im Mittelfränkischen und Oberfränkischen die Gotteshäuser dem beliebten Heiligen widmete, welcher der Überlieferung nach als Christ in römischen Diensten mit einem frierenden Bettler am Straßenrand (Jesus Christus) seinen Mantel geteilt haben soll.

Doch mit dem Bau eines größeren Gotteshauses ab 1337 und der Entstehung einer größeren Pfarrei mit 22 eingepfarrten Ortschaften und 2 Filialkirchen schwand die enge Beziehung zum heiligen Martin und zum Martins -Patrozinium: die heilige Maria Magdalena trat an seine Stelle. Ihr Namenstag, der 22. Juli wurde fortan neben dem Tag des heiligen Martin (11. November) in Herzogenaurach zum Feiertag und zum Kirchweihtag.

Folglich konnte Herzogenaurach zwei Kirchweihtage feiern: den 11. November (St. Martin) und den 22. Juli (Maria Magdalena).

In der Stadt hielt man an aber an der alten Überlieferung fest und feierte weiterhin am 11.November am Martinstag das Kirchenpatrozinium. Der Namenstag von Maria Magdalena rückte an die „2. Stelle“. Fakt ist, dass man daher „seit Menschengedenken“ wie es in manchen Aufzeichnungen heißt den Martinstag als „wahren Kirchweihtag“ gefeiert hat. Und so war es auch - bis in die Nachkriegszeit und bis in unsere Tage: „die Martini-Kerwa“, also die „kalte Kerwa“, ist Herzogenaurachs eigentliche Kirchweih.

Die Sommerkirchweih

In den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts entschied der Herzogenauracher Stadtrat, ein Fest in der warmen Jahreszeit zu feiern. Erstmals wurde 1952 eine Kirchweih unter dem Begriff „Aurachgründer –Volksfest“ gefeiert; und zwar vom 12. – 22 Juli“ in den Weihersbachanlagen mit seinem romantischen Flair .

Es war dies keine Wirtshaus- Kerwa mehr wie in der Vorkriegszeit, sondern ein Sommerfest in romantischer Umgebung mit Bierkellern, einem Podium für musikalische Veranstaltungen und einem geeigneten Festplatz.

Aus wirtschaftlichen Gründen und durch die Nähe zum Magdalenentag wurde nun die Sommerkirchweih eingeführt. Um nicht mit der Erlanger Bergkirchweih zu kollidieren oder mit dem Forchheimer Annafest, legte man die Herzogenauracher Sommerkirchweih auf die erste volle Woche im Juli fest. Demnach hätte die diesjährige Sommerkirchweih vom 03. Juli bis zum 12. Juli stattfinden müssen.

       Ältere Herzogenauracher schwärmen noch heute von den tollen Festen, die seit den 50er Jahren mit Auftritten bekannter Künstler und Interpreten Tausende Besucher in die Kirchweihanlagern führte. Die früheren Veranstaltungen und Tanzvergnügen gehörten im Sommer fortan der Vergangenheit an. Statt in den Vereinshaussälen tanzte man jetzt am Podium im Weihersbachgelände. Man jubelte bekannten Interpreten zu, wie Fred Bertelmann, , dem farbigen Sänger Billy Mo oder den Jacobs Sisters mit ihren Pudeln zu und bezahlte ohne zu murren Eintritt für diese Aufführungen. Volkstümliche Musikkapellen aus der Stadt und der näheren Umgebung sorgten für unbeschwerte Stunden. . Zuletzt waren es dann allerdings höhere Geräuschpegel, welche die Besucher über sich ergehen lassen mussten, bevor auf das Rockzelt im oberen Weihersbach ausweichen konnte.

Die Sommerkirchweih hatte den Durchbruch geschafft und sich ab den 70er, 80er Jahren im Herzogenauracher Veranstaltungskalender etabliert.

Und so hoffen die Weihersbachanhänger auch für die nächsten Jahren auf eine zünftige Sommerkirchweih.

Klaus-Peter Gäbelein

Klaus-Peter Gäbelein
Autor: Klaus-Peter GäbeleinWebsite: https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus-Peter_G%C3%A4beleinE-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
1. Vorsitzender Heimatverein Herzogenaurach
Klaus-Peter Gäbelein (Pseudonym: Klaus Bedä) ist ein deutscher Autor, Historiker, Kolumnist, Mundartdichter und Moderator mit einem Schwerpunkt auf fränkischer Geschichte und Brauchtum sowie fränkischer Mundart. Er ist der Verfasser zahlreicher Werke zu Themen der Regionalgeschichte Frankens, dem fränkischen Brauchtum, sowie von Schulbüchern. Seit 1981 schreibt Gäbelein regelmäßig Artikel für die Regionalteile der in Herzogenaurach (Mittelfranken) erscheinenden Tageszeitungen und seit 1992 die Glosse „Do dud dä fei deä Oäsch weh!

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