Herzogenaurach: wirtschaftliche Verhältnisse vor 200 Jahren

1 1 1 1 1 Bewertung 0.00 (0 Stimmen)
Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv
 

Das einstmals bambergische Landstädtchen Herzogenaurach, 1002 erstmals als „URAHA“ erwähnt, im Jahr 1348 nachweislich als „ wehrhafte Stadt“ (oppidum“) in den Akten festgehalten, hat im Laufe der Jahrhunderte zahlreiche Kriege und Eroberungen über sich ergehen lassen, bevor es im 19. Jahrhundert ruhigere Jahrzehnte erleben durfte.

Aus dem Jahr 1819 stammen Unterlagen, die Pfarrer Schleicher festgehalten hat. Da heißt es „Herzogenaurach ist ein sehr bevölkertes Landstädtchen mit 218 Häusern, 1600 Einwohnern von allerlei Professionen (Berufen). Dir größte Anzahl machen die Tuchmacher und Zeugmacher aus, die der ärmeren (unteren) Klasse, die Alten und sonst Arbeitsunfähigen haben mit Wollenspinnen einigen Verdienst.“ Die Stadt war demnach eine reine Weber- und Tuchmacherstadt, obwohl 25 Bauern von der Landwirtschaft lebten und immerhin 27 Schuster hier iihren Unterhalt mit der „Schusterei“ bestritten (es waren weitgehend Flickschuster, die selbst aus der weiteren Umgebung Aufträge erhielten, denn auf den Dörfern gab es früher keine Schuster).

Man zählte im Jahr 1819 40 Tuchmacher, 15 Weber und 10 Zeugmacher. Das waren alles Berufe, die unmittelbar mit der Textilherstellung ihren Lebensunterhalt verdienten, wobei für uns heute die Unterschiede zwischen Tuchmachern und Webern wenig deutlich sind. Zeugmacher dagegen waren Handwerker, die „wollenes Zeug“, genauer gesagt bessere Wolltücher (aus reiner Schurwolle) produzierten. Fakt ist, dass hier eine erhebliche Monostruktur in der Textilbranche herrschte und dass die Tuchmacher und Weber gezwungen waren, ihre Produkte auswärts abzusetzen.

Zum Glück gab es im nahen Nürnberg günstige Absatzmärkte. Die Noris besaß neben Frankfurt den größten Markt nördlich der Alpen. Unsere „Textiler“ nahmen folglich den knapp 30 Kilometer weiten Fußweg auf sich, um ihre Produkte nach Nürnberg zu schaffen. Wie geschah das? Man packte die fertigen Stoffballen auf die einfachen hölzernen Tragegestelle. Mit einem solch hölzernen „Reef“ am Rücken ging es dann zu Fuß nach Nürnberg. Noch gab es keine asphaltierten Wege oder Straßen und vom prImitiven oder derben und unbequemen Schuhwerk wollen wir gar nicht reden. Und nach dem Verkauf der Textilwaren wartete der ebenso lange Heimweg auf unsere Stoffhändler, bevor sie tags darauf wieder am Webstuhl saßen. Heute würde man sagen: „Ein harter Job!“

Zur gleichen Zeit begann von England aus der Siegeszug der „spinning Jenny“, des mechanischen und von Dampfkraft angetriebenen mechanischen Webstuhls. Der schleichende Niedergang unserer Tuchmacher war damit vorprogrammiert, vor allem wenn man bedenkt, dass ein mechanischer Webstuhl fünf bis 10 oder gar mehr Handweber ersetzte.

Mitte des 19. Jahrhunderts war somit der Niedergang der hiesigen Tuchmacher nicht mehr aufzuhalten. Georg Denkler aus der Hauptstraße war wohl der entscheidende man der wie später Tuchmacher auch die Zeichen der Zeit erkannte und den Umschwung herbeiführte: eine feste Sohle unter die Woll- oder Stoffschuhe genäht, und fertig waren die „Schlappen“ (Hausschuhe), die den Herzogenaurachern ihren Spitznamen „Schlappenschuster“ einbrachten. Folgende Zahlen sprechen für sich:

1825 zählte man hier 43 Tuchmacher und 15 Leineweber sowie 22 Schuhmacher;; 60 Jahre später zählte man 75 Schuhmacher und die Zahl der Tuchmacher war auf 46 gesunken!.

Heute erinnert gerade einmal das unscheinbare „Tuchmachergässchen, die Verbindung zwischen Würzburger Straße und Ansbacher Straße, vorbei am Freibad, an die bedeutende Herzogenauracher Tradition.

Kehren wie aber noch einmal zurück in unsere Eingangssituation von 1819. Man zählte damals auch 9 Metzger, 11 „Becken“ und immerhin 11 Wirte. Und wie sieht die Situation heute aus? Abgesehen von den Supermärkten, die unsere Gesellschaft total verändert haben gibt es in der Stadt mit immerhin knapp 30 000 Einwohnern tatsächlich noch 3 Metzger und 2 Bäckerfilialen, aber keinen einzigen Bäcker mehr.

Welchen Wandel hat die Stadt erlebt!

Zum Füllen –eventuell in einem „Kasten“ !

Weitere Herzogenauracher Geschäfte und Gewerbe 1819

1 Beutler                           6 Handelsmänner                 5 Schreiner

5 Bierbrauer                     1 Kaminkehrer                     35 Tagelöhner

18 Bedienstete                 1 Kupferschmied                4 Wagner

1 Bürstenbinder               13 M;aurer                             2 Weißgerber

7 Büttner                           4 Melber (Mehlhändler)       1 Ziegler

2 Chyrurgen                     3 Müller                                  6 Zimmerleute

1 Drechsler                       2 Musikanten                      

1 Fallmeister                     1 Nagelschmied

(Entsorgung verendeter   2 Rotgerber

     Tiere in der Fallgrube)   1 Seiler

2 Färber                                2 Sattler

2 Glaser                                 2 Schlosser

3 Häfner                                 6 Schmiede

Klaus-Peter Gäbelein

Klaus-Peter Gäbelein
Autor: Klaus-Peter GäbeleinWebsite: https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus-Peter_G%C3%A4beleinE-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Koordinator für den Steinweg
Klaus-Peter Gäbelein (Pseudonym: Klaus Bedä) ist ein deutscher Autor, Historiker, Kolumnist, Mundartdichter und Moderator mit einem Schwerpunkt auf fränkischer Geschichte und Brauchtum sowie fränkischer Mundart. Er ist der Verfasser zahlreicher Werke zu Themen der Regionalgeschichte Frankens, dem fränkischen Brauchtum, sowie von Schulbüchern. Seit 1981 schreibt Gäbelein regelmäßig Artikel für die Regionalteile der in Herzogenaurach (Mittelfranken) erscheinenden Tageszeitungen und seit 1992 die Glosse „Do dud dä fei deä Oäsch weh!

Design by WD