Geldschwemme vor 95 Jahren

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10 Billionen Mark in Scheinen zu 10 Milliarden für Herzogenaurachs Stadtkasse

Herzogenaurach. Wer von uns hat noch nie davon geträumt, reich zu sein und vielleicht wie Walt Disneys Dagobert Duck in Goldmünzen und Geldscheinen zu baden? Und mancher möchte sogar „steinreich“ sein! Weil man in früheren Zeiten in erster Linie beim Bau seines Hauses aus Kostengründen die Holzbauweise bevorzugte, konnten sich nur wohlhabende, sprich Adlige oder reiche Bürger Häuser aus Stein leisten: Steine mussten aufwändig gebrochen, teilweise umständlich, teils mit weiten Anfahrtswegen an die Baustelle gebracht und zuletzt aufeinander gemauert werden. Wer sich also ein steinernes Haus leisten konnte, war schlicht und einfach „steinreich“!

Vor 100 Jahren hätten sich eigentlich sehr viele Deutsche, auch Franken und Herzogenauracher oder Höchstadt als „steinreich“ fühlen müssen. Sie erlebten zwischen 1918 und 1923 die größte Inflation, die es jemals in unserem Land gegeben hat. Doch eigentlich begann die Geld- und Wirtschaftskrise bereits 1914 unmittelbar nach dem Ausbruch des 1. Weltkriegs. Die Kriegsführung verschlang zwischen 1914 und 1918 unvorstellbare Summen. Und da die Staatskasse die Kosten nicht mehr auffangen konnte, wurde der „kleine Mann“ im Rahmen der kriegswirtschaftlichen Maßnahmen verstärkt zur Kasse gebeten. Man zeichnete Kriegsanleihen, in der Hoffnung sein Geld nach einem siegreichen Krieg mit Gewinn zurück zu erhalten.

Gleichzeitig musste sich die Bevölkerung bereits ab 1915 Einschränkungen gefallen lassen. Die Preise stiegen zwischen 1914 und 1918 durchschnittlich um 100% im Jahr oder insgesamt auf das 16fache. Von einer geregelten Versorgung mit den wichtigsten Grundnahrungsmitteln (Kartoffeln, Mehl, Fett) konnte bis 1918 nicht mehr die Rede sein. Und als nach dem verloren gegangenen Krieg noch die Reparationsforderungen der alliierten Siegermächte hinzukamen, waren die Ersparnisse zahlloser Familien weitgehend vernichtet. Bereits bis zum Ende des Krieges musste der Zahlungsverkehr mit Kleingeld, also mit Münzen bis zu fünf Mark eingestellt werden, weil die Rohstoffe wie Kupfer oder Nickel für Rüstungsgüter benötigt wurden. 10 Pfennig Münzen gab es ab 1916 aus Eisen oder Aluminium, später als fast wertlose Papierscheine. Mit der Sammelaktion „Gold gab ich für Eisen“ wurde der Mittelstand um seine Ersparnisse gebracht.

Vor allem in den Städten klagte die Bevölkerung über den Mangel an den notwendigsten Versorgungsgütern. Fleisch, Butter, Eier wurden in den Großstädten zu unerschwinglichen Luxusgütern und bereits 1915 wurden Brotkarten eingeführt, die allerdings keine Gewähr für die Verbraucher boten, dass sie auch das Notwendigste gegen Eintausch der Marken erhielten. Selbst die Kleinstädte wie Herzogenaurach (ca. 3000 Einwohner) trafen die Versorgungsengpässe bis zum Kriegsende sehr hart. So mussten sich die beiden Konditoreien Weiß (Hauptstraße und später. – nach dem 2. Weltkrieg das „Land des Lächelns“) und das Cafe´ Adler (westliche Hauptstraße) mit der Zuweisung von einem halben Zentner Zucker (25 Kilogramm) im September 1918 zufriedengeben. Und weil immer mehr landwirtschaftliche Flächen im Landkreis Höchstadt statt für den Getreideanbau für Kartoffelfelder geopfert wurden, stand es auch schlecht um die Getreideversorgung in unserer Gegend.

Bald standen auch die Dreschmaschinen still, denn die Lieferung mit Leichtbenzin für dies Maschinen war mit dem 19. Juli 19118 eingestellt worden. In Herzogenaurach sank zudem die Zuteilung von Leder für die schwächelnde Schuhindustrie seit März 1917 auf gerade einmal 20 Pfund(!), in Höchstadt gar auf 15 Pfund für Besohlungen und Ausbesserungen. Wie sollte da die Schuhproduktion aufrecht erhalten bleiben?

Die Bevölkerung griff mehr und mehr zur Selbsthilfe. Ein eigener Garten für Gemüse- oder/und Kartoffelanbau war Gold wert und längst musste die Bevölkerung statt auf nahrhafte Kartoffeln auf minderwertige Kohlrüben (Dorschen) umstellen. Als der Herzogenaurach Gastwirt Drescher (Rotes Ross – heute Sparkasse in der Hauptstraße) ein Kalb „schwarz“ schlachtete, zog der Polizist Herbig dieses Fleisch ein. Es wurde an die Insassen der beiden Lazarette im Liebfrauenhaus und in der Gaststätte (Hotel!) Monopol (gegenüber der Realschule) sowie an kranke Personen verteilt. Die Bemerkung von Gendarm Herbig „…wenn ich gewusst hätte, dass das Kalb die Preußen zu fressen kriegen, hätte ich in Sachen der Schwarzschlachtung überhaupt nichts unternommen“ brachte ihm von seinem Dienstvorgesetzten, dem Amtmann Röder in Höchstadt eine scharfe Rüge ein.

Dem Gastwirt Römmelt wurden 1918 5 Pfund Fleisch in der Woche zugeteilt. Der Metzger Johann Welker er hielt am 04. August 1918 die Genehmigung, in den folgenden vier Wochen ein Stück Großvieh, ein Kalb und ein Schaf zu schlachten. Und im September 1918 wurden der Stadt gerade einmal 4500 Zentner Kartoffeln für die rund 3000 versorgungsberechtigten Einwohner für die kommenden Wintermonate zugeteilt. Der Schwarzmarkt stand bald in voller Blüte. So wurde beispielsweise ein Nürnberg festgenommen, der 12 Laib Brot (!) auf dem Schwarzmarkt erworben hatte, um damit seiner Heimatstadt Geschäfte zu machen.

Noch schlimmer wurde die Versorgung in den Folgejahren. Die Inflation erreicht 1923 im September, also vor 95 Jahren ungeahnte Höchststände. Vom Mai 1923 bis zum 08. September 1923 stieg der Preis für ein Ei auf dem Erlanger Markt von 350 Reichsmark auf 160 000 bis 180 000 Mark. Ein Pfund Schweinefleisch konnte man für 3,8 Millionen Mark erwerben und für ein Suppenhuhn mussten 3 bis 4 Millionen Mark bezahlt werden.

In diesen Tagen erhielten zahlreiche Städte 1923 die Genehmigung, ihr eigenes Notgeld zu drucken. Die Herzogenaurach Notgeldscheine zeigen auf der linken Seite unser Wahrzeichen, den Fehnturm. Die Banknoten tragen links die Unterschrift von Bürgermeister Herold und recht jene von Stadtkämmerer Schürr. Als Wasserzeichen sind stilisierte Pflanzenornamente enthalten, die Rückseiten besitzen nicht einmal ein Wasserzeichen und sind kahl. Die durchschnittliche Höhe der Scheine beträgt 50 Milliarden Mark. Noch 1923 erging seitens der Stadt die Bitte an den Reichsfinanzminister nach Berlin, 10 Billionen Mark in Scheinen zu 10 Milliarden zuzuweisen (zum besseren Verständnis: 1 Million = 1.000.000.; 1 Milliarde = 1.000.000.000; 1 Billion = 1.000.000.000.000). Über die Höhe der Stundenlöhne ist leider nichts überliefert! Dass man für den Wochenlohn einen Waschkorb benötigte, um das Geld nach Hause zu schaffen, ist zwar nicht überliefert, aber ziemlich wahrscheinlich und dass zwei Arbeitern beim Heimtransport der Scheine der Waschkorb gestohlen worden ist, weil sie unterwegs ein Bier getrunken und den Korb unbeaufsichtigt gelassen haben, dass aber das Geld zurückgelassen worden ist, ist zwar nicht verbürgt, aber durchaus möglich.

Viele Herzogenauracher hätten zwischen 1918 und 1923 sicherlich lieber darauf verzichtet, sich nach dem Vorbild Dagobert Ducks in Geldscheinen zu baden, auf denen schwindelerregende Summen gedruckt waren, die letzten Endes aber wertlos waren, weil sie keinerlei Kaufkraft besaßen und weil der Handel fast zum Erliegen gekommen war.

Klaus-Peter Gäbelein

Klaus-Peter Gäbelein
Autor: Klaus-Peter GäbeleinWebsite: https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus-Peter_G%C3%A4beleinE-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
1. Vorsitzender Heimatverein Herzogenaurach
Klaus-Peter Gäbelein (Pseudonym: Klaus Bedä) ist ein deutscher Autor, Historiker, Kolumnist, Mundartdichter und Moderator mit einem Schwerpunkt auf fränkischer Geschichte und Brauchtum sowie fränkischer Mundart. Er ist der Verfasser zahlreicher Werke zu Themen der Regionalgeschichte Frankens, dem fränkischen Brauchtum, sowie von Schulbüchern. Seit 1981 schreibt Gäbelein regelmäßig Artikel für die Regionalteile der in Herzogenaurach (Mittelfranken) erscheinenden Tageszeitungen und seit 1992 die Glosse „Do dud dä fei deä Oäsch weh!

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