Die Ami

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Die Ami kumma!

Montag, 16. April 1945. Kanonendonner im Osten und Westen. Liesl Fritz, knappe 30 Jahre alt, war gegen neun Uhr auf dem Weg in den Steinweg, um im Milchgeschäft Islinger trotz des Ausgehverbots Milch für ihre 4- und 2jährigen Kinder zu kaufen.

„Liesl, Du musst mit, die Ami kumma!“, sprach sie ihr Onkel, der Schmucks Sima (Simon Schmuck) an, der ihr in Begleitung eines ihr unbekannten Mannes war. Wie sie später erfuhr, handelte es sich um den früheren und späteren Bürgermeister Dr. Valentin Fröhlich. Liesl Fritz hatte einige Jahre in den Staaten nahe New York gelebt und sprach perfekt Englisch. In der Höhe der früheren Maschinenfabrik Weiler in der Würzburger Straße richteten sich Panzerrohre drohend auf die Drei. Auf Liesl Fritz´ Aufforderung „don´t shoot“ (nicht schießen) kam die Antwort „okay“. Darauf musste sich die Liesl auf den Panzer setzen, um Instruktionen entgegenzunehmen. Doch als die Luke aufging erschrak sie heftig, denn ein unrasiertes schwarzes Gesicht kam zum Vorschein. Und spontan entfuhren ihr die Worte „oh, you need a shape!“ (Du solltest Dich rasieren!) Die Antwort des Panzerführers kam spontan: „Damned that´s a Yankee!“ (Spitzname für Bewohner der amerikanischen Ostküste). Und als Liesl Fritz später erklärte, dass sie im Raum New York gelebt hat, hatte sie bei den US-Soldaten ihren Spitznamen weg: Sie war schlicht und einfach die „New York“. Viele Jahre dolmetschte sie später für die politischen deutschen Vertreter und die US Offiziere. Doch ihre erste Amtshandlung war es, auf der Fahrt in die Stadt, den Herzogenaurachern klarzumachen, weiße Tücher als Zeichen der Aufgabe in die Fenster zu hängen. Anschließend war sie dabei, als im Mädchenschulhaus und im Liebfrauenhaus die Lazarette an die Amerikaner übergeben wurden.

Die Ami senn do!

Der Alltag für die Bewohner des Städtchens war anfangs geprägt von Angst, aber auch von Hass gegenüber den Neuankömmlingen. Schließlich hatte man der Bevölkerung neben den ewigen Durchhalteparolen immer wieder Hoffnung auf den „Endsieg“ gemacht. Jetzt aber herrschte Ausgangssperre und alle vorhandenen Waffen mussten alle abgeben werden, (manche vergruben die Pistolen und Gewehre in den Gärten oder warfen sie in die Aurach) auch die Fotoapparate wurden konfisziert und daneben herrscht anfangs Ausgangssperre ab dem Sonnenuntergang und es durften nie mehr als zwei bis drei Personen zusammenstehen; die Angst vor einer Verschwörung war bei den Amerikanern groß.

Die Besatzer benahmen sich in den ersten Tagen tatsächlich wie die Sieger. Manches Inventar wurde zerstört; es schmerzte, als man sah, dass die Bestände des Stadtmuseums geplündert wurden. „Was wollen die denn mit Ritterrüstungen und Säbeln oder Degen aus dem Stadtmuseum, warum zerschlagen die denn die Feuerwehrgerätschaften samt der Spritze?“ Zorn und Angst paarten sich mit der Ungewissheit und der bangen Frage: wie soll das weitergehen oder enden? Nach ersten Tagen der totalen Verunsicherung warfen kinderfreundliche US-Soldaten hin und wieder Bonbons, ja sogar Schokolade, in Blechdosen verpackt , oder „salzige Plätzli“ (Crackers) aus ihren Jeeps. Aber was sollte man mit den silbernen dünnen Streifen anfangen auf denen die unverständlichen Worte „chewing gum“ standen? Doch bald fanden findige „german boys“ heraus, dass man diese Streifen (ohne Papier!) „kaia“ (kauen) muss, so wie es die Amis auch taten. Und für manchen Erwachsenen war es wie ein Feiertag, wenn aus einem Jeep Ami-Zigaretten auf die Straße flogen, denn Tabak oder Zigaretten waren seit Kriegsausbruch Mangelware geworden.

Fazit: nach einiger Zeit wurden die Herzogenauracher und auch die Besatzer „zutraulicher“. Die Kinder kletterten auf die Panzer, ab und zu wurden Dosen zugeworfen mit den Aufschriften „corned beef“. Und weil die Dosen verschlossen waren und die Amis aus ihrem Inhalt Brotzeit machten, konnten diese „komische Wurst“ ja gar nicht vergiftet sein, wie die Nazi-Propaganda verkündet hatte. Dennoch getraute man sich in einer Familie eines sechs Jahre alten Mädchens mit blonden Haaren anfangs nicht, das gegrillte Hähnchen, das ihm vorbeifahrende US-Soldaten in ihre Schürze gelegt hatten, zu verzehren. Und mancher Herzogenauracher lernte jetzt das amerikanische „Gummibrot“ kennen, wie man das bis dahin unbekannte Toastbrot nannte. Und auf selbiges strichen die US-boys auch noch fingerdick Schokoladencreme oder „peanut butter“, die den Deutschen unbekannte Erdnussbutter.

Die Ami bleibn doo!

Dass die Besatzer (die Offiziere!) die wenigen Bürgerhäuser besetzten, in denen es fließendes Wasser, ein Bad und sogar ein WC mit fließendem Wasser gab, schmerzte zwar, aber bald fanden fleißige Herzogenauracher Hausfrauen als Waschfrauen oder Büglerinnen Anstellungen bei den Amerikanern (die Unteroffiziere und Offiziere legten Wert auf „scharfe“ Bügelfalten an ihren Hemden oder Uniformhosen); sie wurden mit Naturalien versorgt: von fein riechender Seife, über alkoholische Getränke wie Gin oder Whisky, Zigaretten, Bohnenkaffee oder Lebensmittel reichte die Palette. Und als nach einigen Wochen die leerstehenden Kasernen am Flugplatz von den Amerikanern bezogen worden waren, fanden auch Herzogenauracher Handwerker lohnenswerte Beschäftigungen dort oben „auf des Base“ wie der Flugplatz nun genannt wurde.

Und in den 60er und 70er Jahren hatte man sich schließlich aneinander gewöhnt. Die Ausgangssperren für die Soldaten wurde aufgehoben. Man sah des öfteren US-Soldaten in der Stadt, vor allem in den Gasthäusern. Damals zählte man in der Stadt noch vier Brauereien und jede Menge „german guesthouses with very good food and great beers“ (deutsche Gasthäuser mit hervorragendem Essen und großartigem deutschen Bier). Die „höheren“ Amerikaner (Offiziere) genossen die deutsche Küche in den Gaststätten „Weißer Hahn“ (bei der „schwarzen Marie oder bei der „Schwarzen Henna“ (heute Apotheke am Markt), im „Weißen Ross“ oder im „Schwarzen Bär“ (beides in der Hauptstraße – heutige Sparkasse). Und als der Dollar bei der Umrechnung seinen Höchststand mit 4 DM oder gar noch mehr erreicht hatte, genügte ein einziger Dollar für ein Schnitzel und zwei Gläser Bier – very, very cheap!“ (sehr, sehr billig!) Und überhaupt nahmen die Fraternisierung, die Anpassung und das Aneinander-Gewöhnen mehr und mehr zu. Freilich wurden jene jungen Frauen von den Einheimischen misstrauisch beäugt, wenn sie die Gelegenheit nutzten, auf einem US-Truck hinauf zu den Kasernen gefahren, denn dort fanden wöchentlich Tanzabende mit den amerikanischen Soldaten statt. Des guten Anstands wegen mussten die Kasernen um 22 Uhr jedoch von den „Frolleins“ wieder geräumt sein. Dass der „Ruf“ jener Frauen im „Steedtla“ nicht der beste war, ist verständlich. Trotzdem: Bereits in den 50er Jahren wurden die ersten Ehen zwischen US-Soldaten und deutschen Frauen geschlossen. Von deutscher Seite aus gab es inzwischen so etwas wie ein einfaches Konversationslexikon, das den Einheimischen Einblick ins Englische vermitteln und Sprachbarrieren überwinden sollte. Manches wirkte dabei etwas freizügig und zweideutig, wenn man die Frage eines Gis „möchtest Du mit mir spazieren gehen“ wie folgt übersetzte „Do you want to go with me into the woods – möchtest Du mit mir in den Wald gehen?“

AbschiedZusammenleben mit den Amis

Die amerikanischen Offiziere wohnten mit ihren Familien entweder in der „US-Siedlung an der Flughafenstraße, viel lieber jedoch in der Stadt in Privathäusern bei Deutschen. Als meine Frau und ich einmal den „Herrn Major der mit Frau und Kind“ (sie wohnten am Ortsrand in Richtung Niederndorf ), zum Essen eingeladen hatte, da staunten unsere amerikanischen Freunde nicht schlecht, dass meine Frau das gesamte Mittagessen selbst gekocht und sogar den Kuchen eigenhändig gebacken hatte. „Unfassbar und alles selbst gemacht!“ meinten die Amerikaner. Bald wurde mir klar, warum deutsche Frauen und Hausfrauen bei den Amerikanern so hoch im Kurs standen! Alle konnten kochen – fast food war ihnen unbekannt. Anders ging es dann bei deren Gegeneinladung zu. Die winzigen Kartoffeln kamen geschält und teils vorgegart aus der Dose, das Fleisch wurde aufgetaut und zum Aufwärmen in die Röhre geschoben, denn das Ganze war vorgebraten und eingeschweißt und der Kuchen bzw. der Nachtisch kam aus der „ice box“, wurde schlicht und einfach aus dem Kühlschrank oder aus der Tiefkühltruhe serviert. Das Bier gab es eiskalt aus der Dose, die Kinder wurden mit eiskaltem Coca Cola und „pappsüßen Bonbons“ still gestellt und durften Comicfilme im Fernsehen betrachten. Ich bekam einen ersten Eindruck vom „American way of life“, von der amerikanischen Lebensart., - auch bei der Oberschicht.

Unvergesslich sind und waren die jährlichen Festwochen der Deutsch-amerikanischen Freundschaft in jedem Frühjahr auf der herzo base. Manche Deutsche kannten von Besuchen bisher bereits die US-Clubs, vorrangig den NCO –Club, in den Deutsche bisweilen eingeladen wurden. Für wenig Geld gab es dort die besten und größten Hähnchen, die man sich vorstellen konnte. - Wer in Herzogenaurach laufen konnte, pilgerte Anfang Mai 1970 und danach jedes Jahr hinauf auf die base, hinauf in Richtung zu den Kasernen. Dort konnte man den amerikanischen Spezialitäten frönen: neben den riesigen „Flattermännern“ in den Clubs oder an den Grillstationen waren dies saftige dicke Steaks oder Hackfleischsemmeln, die man nun „Burger“ nannte, mit „ketch up“ (anfangs fast unbekannt in Deutschland) oder unterschiedlichen Grillsoßen bestrichen. Und bald erkannte ich auch, warum die Herzogenauracher alle mit ihren Kühltaschen angerückt waren: man hamsterte die amerikanische „soft ice cream“. Und zugegeben, sie schmeckte tatsächlich köstlich.

Es gab auch sportliche Wettkämpfe zwischen Deutschen (Stadtverwaltung, Stadträte, Schulleitungen) und US-Offizieren. Beim Basketball hatten wir Deutsche keine Chance. Anders war es beim Fußball. Den „Amis“ war unser deutscher Fußballsport vor einem halben Jahrhundert noch reichlich fremd. Sie nannten das Ganze „soccer“; dafür aber spielten sie „american football“, was jedoch eher unserem deutschen Rugby entsprach. Das Fußballspiel artete oft in eine fürchterliche Holzhackerei aus, zumal den Amerikaner die Fußballregeln wenig bekannt waren. (Foto: Auswahl des Stadtrats und der Stadtverwaltung bei einem „Länderspiel“. Auf deutscher Seite u. a Hausmeister Heinrich Kaltenhäuser (4. von lks), der damalige Bürgermeister Hans Ort (7. von lks.) und der spätere Bürgermeister Hans Lang (9.von lks.).

In den 70ern begann mit der Gründung des Deutsch-amerikanischen Freundschaftsclubs ein geordnetes freundschaftliches Zusammenlebe. Die „Präsidenten“, Oberlehrer Horst Huke, Realschullehrer Otto Dengler und vor allem die „Grand Dame“ Franziska „Zissa“ Bär, förderten mit gemeinsamen Tagesfahrten und Wanderungen sowie mit geselligen Abenden und Feiern das bestehende gute Verhältnis. Unvergessen sind die Faschingsabende im Vereinshaus. Der damalige Pächter Bert Stecker sorgte mit seiner Bar im “Pferdestall“, dem Obergeschoss des Vereinshauses, für beste Stimmung und „german gemutlichkeit“. Höhepunkt war dabei jeweils die Maskenprämiierung, bei der die „Amis“ meist die originellsten Verkleidungen boten: In Erinnerung geblieben ist mir jenes Pärchen, das als Zahnpasta Tube (er) bzw. als Zahnbürste (sie) sich den Spitzenplatz sicherte.

Was die „gemeinen“ GIs, also die einfachen Soldaten angeht, so zogen sie es vor, die Bierkneipen und neu eröffneten Bars zu besuchen. Aus der Milchbar am Marktplatz wurde in den 70ern eine Whisky-Bar, die Soldaten bevorzugten daneben den „Fleckinger“ in der Flughafenstraße, das heutige „Altbayern“ sowie die Bar in der früheren Metzgerei Gerber in der Hinteren Gasse, der heutige „Rote Ochse“ hieß „Klause am Markt“ und am Ende der Hauptstraße schimmerte aus dem 1. Stock das Cafe´s „Adler“ schummriges Licht. Höhepunkte für die US-Soldaten waren daneben die Bockbierabende im Frühjahr im Vereinshaus und natürlich die Sommerkirchweih. Dass damals das Krugpfand auf der Kirchweih eingeführt wurde, weil die Soldaten großen Gefallen an den „beer-stones“ als Souvenir fanden oder den vollen Krug als Wegzehrung bis hinauf in die Kasernen mitschleppten, ist sicher keine böswillige Unterstellung.

Im Übrigen standen die einfachen Soldaten - und derer gab es im Schnitt um die 3000 - unter steter und strenger Kontrolle und Überwachung durch die MP (Militärpolizei), die bei Vergehen kein Pardon kannte und knallhart durchgriff. Dass der Intelligenzquotient der einfachen Soldaten nicht besonders hoch war, beweist folgende Begebenheit: Als ich bei einer Stadtführung für eine Gruppe von Soldaten von Ost- und West-Deutschland sprach, also von „Eastern and Western Germany“ sah mich einer von ihnen verwundert an und fragte ungläubig „Oh, two Germanys!“ (Was, es gibt wohl zwei Deutschland/deutsche Staaten?) Der Arme, der uns hier verteidigen und beschützen sollte, hatte noch nie etwas von zwei deutschen Staaten gehört. Lustiger war es dagegen, als der Herr Oberst anlässlich einer Bierprobe auf der Sommerkirchweih zu seiner Gattin am Abend in gebrochenem Deutsch sagte: „Frau wir mussen heim, die Kinder wollen fressen!° Als ich ihn verstohlen verbessern wollte und ihm erklärte, das man im Deutschen sagt „die Kinder wollen essen“, gab er zur Antwort „Nein Peter, unsere Kinder essen nicht, die fressen!“

Klaus-Peter Gäbelein

(Bitte das Wort mussen – vorletzte Zeile – so stehen lassen, die Amis konnten kein „ü“ sagen!)

Klaus-Peter Gäbelein
Autor: Klaus-Peter GäbeleinWebsite: https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus-Peter_G%C3%A4beleinE-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
1. Vorsitzender Heimatverein Herzogenaurach
Klaus-Peter Gäbelein (Pseudonym: Klaus Bedä) ist ein deutscher Autor, Historiker, Kolumnist, Mundartdichter und Moderator mit einem Schwerpunkt auf fränkischer Geschichte und Brauchtum sowie fränkischer Mundart. Er ist der Verfasser zahlreicher Werke zu Themen der Regionalgeschichte Frankens, dem fränkischen Brauchtum, sowie von Schulbüchern. Seit 1981 schreibt Gäbelein regelmäßig Artikel für die Regionalteile der in Herzogenaurach (Mittelfranken) erscheinenden Tageszeitungen und seit 1992 die Glosse „Do dud dä fei deä Oäsch weh!

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