Mittelalterfest

Das Leben im Mittelalter – hart und schwer!

Am Wochenende erwartet unsere Stadt wieder ein großes Spektakel. Einheimische und viele auswärtige Besucher werden zurückversetzt ins Mittelalter.

Mittelalter, das war die Zeit zwischen 600 und 1500, oft auch als das „finstere Mittelalter“ bezeichnet. Es war Jahrhunderte von Königen und Kaisern, von Blüte und Niedergang des Papsttums, die Zeit von Machtkämpfen der deutschen Fürsten untereinander und der europäischen Herrscher gegeneinander um die Vorherrschaft in Europa. Mittelalter, das waren aber auch Jahrhunderte mit Epidemien und Seuchen, mit Hungersnöten und Türkengefahr. Es waren Jahrhunderte, in denen weite Teile der Bevölkerung am Existenzminimum lebten, als die Bauern noch leibeigen waren und als der „gemeine“ (=allgemeine) Mann wenig Rechte hatte.

An das Mittelalter erinnerte man sich vor allem in der Zeit der Romantik vor rund 200 Jahren, als man von dem Wunsch beseelt war, wieder ein großes und einiges Vaterland zu besitzen, als die bekannten Herrschergestalten auf deutschem Boden neuen Glanz erhielten: Karl der Große, Heinrich II. und seine fromme Gemahlin Kunigunde, Otto der Große, der die Ungarngefahr bannte, Friedrich Barbarossa, der gegen die Osmanen zog – bedeutende Namen im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation.

Es ist schon ein großes Maß an Nostalgie und auch ein wenig Hollywood ist auch dabei, was bei Mittelalterfesten geboten wird: ein großes Spektakel mit Feuerschluckern, Bänkelsängern, Seiltänzern und Musikanten, wie es vor 700 Jahren vielleicht auch auf dem Herzogenaurach Marktplatz zugegangen ist wenn in der Stadt sechsmal pro Jahr Markt abgehalten wurde .

Mittelalterfeste sind heutzutage ein großes „Spektakulum“ , ein Schauspiel , oft fern der Realität. Denn auch das Leben auf der Ritterburg war hart und unbequem: die Räume waren kalt und am Kaminfeuer im Rittersaal wurde man vorne gebraten und am Rücken kroch die Kälte hoch. Die Hütten der Bauern waren alles andere als bequem oder gemütlich und harte Arbeit bestimmte den Alltag. Und zusätzlich lebte man ungeschützt vor Überfällen und Kriegen. Und derer gab es genügend.

Und wie sah das Leben in den Städten wie in Herzogenaurach aus? Man lebte zwar innerhalb der Stadtmauern einigermaßen sicher, aber von Gemütlichkeit oder einem angenehmen Leben konnte nicht die Rede sein. Die kleinen Bürgerhäuser besaßen eine Stube im Erdgeschoss und eine „Schlafstube“ im Obergeschoss. Der untere Raum, die Küche, diente gleichzeitig als Werkstatt und Aufenthaltsraum Von einem „Wohnzimmer“ im heutigen Sinn konnte keine Rede sein. Solche gab es frühestens im 19. Jahrhundert.

Eine offene Feuerstelle spendete Wärme und hier wurde auch das Essen gekocht. Aber es rauchte und qualmte auch in den kleinen Stuben und Hund und Katze ergänzten zusammen mit den Küken (Zieberli) die Idylle. Außer dem Steinweg gab es keine gepflasterte Straße in der Stadt; Kot, Morast und Abfälle boten ein wenig erfreuliches Bild auf den Wegen.

Das Brauchwasser musste von einem der fünf, sechs Brunnen mühevoll ins Haus getragen werden und die Wäsche wurde an die Aurach oder an den Stadtweiher zum Waschen und Bleichen gebracht. Kienspäne an den Wänden oder eine Funzel, mit Leinöl gefüllt, spendeten ein spärliches Licht. Um nicht geblendet zu werden, befand sich vor der Lichtquelle bisweilen eine Art Lampenschirm, oftmals als Gesicht ausgeschnitten: und fertig war der „Ölgötze“! Mit Einbruch der Dunkelheit war der Tag beendet. Der Nachtwächter sorgte für zusätzliche Ruhe und Sicherheit und im Not- oder Ernstfall ertönte von den Stadttürmen das Signal des Torwarts oder Torwächters. Zum Glück blieb Herzogenaurach aber von größeren Brandkatastrophen verschont.

Das Essen war einfach: Brei (Hirse, Erbsen) Gemüse (Kraut) und Brot gab es fast täglich, Fleisch kam höchstens an Sonn- oder Feiertagen auf den Tisch, Fisch ganz selten und wenn dann nach dem Abfischen von Weihern und dem Stadtgraben im Herbst

Und das Leben der Kinder? Statt Schule und Spiel gab es Arbeit im Haushalt in der Landwirtschaft oder am Spinnrad und Webstuhl. Schließlich lebten die Menschen in Herzogenaurach von der Weberei und Tuchmacherei, von ihren Äckern und einige von den Erträgen ihrer handwerklichen Tätigkeiten. Die Schule für die Knaben am oder im Graben gegenüber der Kirche spielte nur eine untergeordnete Rolle und die Mädchen wurden im Haushalt gebraucht, wozu sollten die in eine Schule gehen?.

Ja, so war die gute alte Zeit des Mittelalters: kein elektrischer Strom, keine warme Heizung im Winter, keine elektronischen Spielsachen und kein Fernsehen – dafür aber gegenseitige Nachbarschaftshilfe und an warmen Sommerabenden gab es den Plausch auf der Staffel (Steintreppen gab es fast vor jedem Haus) als TV-Ersatz.

Wenn am Wochenende das „fahrende Volk“ in der Stadt das Sagen hat, wenn Speisen und Getränke nach mittelalterlichen Rezepten angeboten werden, dann darf das nicht über die Realität hinwegtäuschen. Der raue Alltag im Mittelalter sah anders aus.

Klaus-Peter Gäbelein

Klaus-Peter Gäbelein
Autor: Klaus-Peter GäbeleinWebsite: https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus-Peter_G%C3%A4beleinE-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
1. Vorsitzender Heimatverein Herzogenaurach
Klaus-Peter Gäbelein (Pseudonym: Klaus Bedä) ist ein deutscher Autor, Historiker, Kolumnist, Mundartdichter und Moderator mit einem Schwerpunkt auf fränkischer Geschichte und Brauchtum sowie fränkischer Mundart. Er ist der Verfasser zahlreicher Werke zu Themen der Regionalgeschichte Frankens, dem fränkischen Brauchtum, sowie von Schulbüchern. Seit 1981 schreibt Gäbelein regelmäßig Artikel für die Regionalteile der in Herzogenaurach (Mittelfranken) erscheinenden Tageszeitungen und seit 1992 die Glosse „Do dud dä fei deä Oäsch weh!

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