Stammtisch Teil 1

1 1 1 1 1 Bewertung 0.00 (0 Stimmen)
Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv
 

„Die Durstigen"

Herzogenaurach (gä) Es war am Sonntag, 08. März 1959. Acht junge Männer aus Herzogenaurach trafen sich zum Frühschoppen. Ihr Weg führte sie diesmal nach Frauenaurach in die Gastwirtschaft Leipold. In geselliger Runde beschloss man einen Stammtisch zu gründen. „Die Taucher", so wollte man sich nennen und man war überzeugt, bald zusätzliche Mitglieder gewinnen zu können, solche selbstverständlich, die dem edlen Gerstensaft wohlwollend gegenüber standen.

Am 20. März saß man dann in der Herzogenauracher Traditionsgaststätte „Weißer Hahn"  (heute „Apotheke am Markt")um Genaueres festzulegen. Man änderte den Namen, nannte sich fortan „Die Durstigen", erstellte eine Satzung und wählte zwei Tage später, inzwischen schon 20 Mitglieder zählend, eine Vorstandschaft mit Kassier und Schriftführer.

Man wollte sich jeweils freitags in der „Scharzen Henna" (so der Spitzname für das Gasthaus) treffen und „die Geselligkeit und Kameradschaft pflegen". Eine Mark betrug der wöchentliche Beitrag, ein stolzer Mitgliedsbeitrag, bei einem Bierpreis von 40 bis 50 Pfennigen für die Halbe.

Das Geld sollte der Gemeinschaft zugute kommen, „denn gegen ein gelegentlich kräftiges Essen oder einen gemeinsamen Ausflug usw. hat wohl niemand etwas einzuwenden" so der Schriftführer Georg Herderich. „Es wurden auch einige Stammtischkrüglein angeschafft", „eine Tischstandarte angefertigt" und ein Mitglied bereits ausgeschlossen, weil es bei einer Wanderung nach Niederndorf mehrmals Streitereien „vom Zaun gebrochen hat". Überhaupt war die Satzung recht streng ausgelegt: Abwesenheit kostete eine Mark Strafe und nur bei Krankheit (mittels Attest nachzuweisen), Todesfällen in der Familie oder Nachtschicht wurde Dispens erteilt.

Mit Maiausflügen, Vatertagsfeiern, vornehm als „Herrntagsausflüge" bezeichnet,  gemeinsamen Essen und Fußballspielen erreichte die Stammtischherrlichkeit bereits im ersten Jahr mehrfach Höhepunkte. Ohne weibliche Begleitung fuhr man nach Rüdesheim. Doch konnten unsere fränkischen Bierseelen dem Rheinwein wenig abgewinnen, so dass sich nach der Rückkehr „einige Unentwegte um 23.30 Uhr in den „Weißen Hahn" begaben, um noch einen kräftigen Schluck aus dem zwei Tage vermissten Stammkrüglein zu nehmen".

Mit Begeisterung wurden in der Folge die Stammtischrunden besucht. Zur Erheiterung trug ein Tonbandgerät bei, mit dem 2. Vorstand Ernst Frötschl  das „Stammtischgwaaf" aufnahm und schließlich wählte man an der Martini-Kirchweih im Gründungsjahr einen „Bierkönig". Bei der Endausscheidung ging  der 2. Vorstand „durch sein besseres Trinkvermögen als Sieger hervor. Man setzte ihm eine Krone aufs Haupt und als  Zepter bekam er einen  Maßkrug in die Hand".

Unsere Stammtischbrüder waren anfangs durchaus Junggesellen. In der Folge gab es zahlreiche Polterabende und Hochzeitsgelage und vor allem lustige Faschingsbälle und jährliche Ausflüge, bei denen die Gattinnen und Bräute eingeladen waren. Die Alpenregion hatte es den „Durstigen" vornehmlich angetan, und so reiste man meist nach Tirol oder in die bayerischen Alpen.

Legendär ist die Fahrt an den Walschsee, wo man es immerhin schaffte, an knapp zwei Tagen die Biervorräte so zu vernichten, dass der Wirt bei der Abfahrt des Stammtisches gestehen musste „dass er uns nicht länger mehr hätte bewirten können, da wir sein ganzes Bier weg getrunken hatten." Und der Zusatz im Protokollbuch lautet lapidar „Die „Durstigen" hatten es wieder einmal geschafft."

Als 1976 der „Weiße Hahn" für immer seine Türen schloss, zog man in die benachbarte Gaststätte zur „Glassn Sophie" um. Nach wie vor wurde streng darauf geachtet, dass am Stammtisch nicht gestritten - höchstens diskutiert wurde-  und vor allem, dass das Kartenspiel „tabu" war, denn Letzteres verdirbt bekanntlich jede Unterhaltung.

Neben Fahrten und Bällen wurde vor allem das Essen groß geschrieben. Immer wieder waren es die Stammtischbrüder Schonath und Galster, beides angesehene  Metzgermeister, die mit Schweinskopf-, Spanferkel- oder Hammel-Essen zu fröhlichen Runden beitrugen. Dass bei der Schlachtschüssel 1980 schon früh um 8 Uhr zünftige Musik aus der Gaststätte „Glass" ertönte, mag die Passanten leicht verwundert haben. Unsere Stammtischler genossen Kesselfleisch, Blut- und Leberwürste , Bratwurstgehäckbrote und saftigen Schweinbraten bis in die späten Abendstunden.

Die runden und halbrunden Jubiläen wurden zu großen Festen, bei denen die Bürgermeister Ort und Welker die Stammtischbrüder ehrten und bei denen auch andere Stammtische und neben Bürgermeister Hans Ort auch Brauereichbesitzer Kitzmann eingeladen waren. Zum 25-jährigen Jubiläum wurde ein eigenes Lied gedichtet, in dem es in der zweiten Strophe heißt: „Wir singen stets die schönsten Lieder und schlürfen durstig unsern Hopfensaft - denn 5 Maß machen uns nicht nieder, ein jeder Tropfen gibt uns Kraft."

Fünf Jahre später, im März 1989 hatten sich die Frauen unserer Stammtischler soweit emanzipiert, dass sie einen eigenen Stammtisch gründeten. Im „Auracher Löchla" gegenüber dem Bayerischen Hof  wurde der „Damenstammtisch" aus der Taufe gehoben der in diesen Tagen ebenfalls ein stolzes Jubiläum feiern kann.

Nach einer Durststrecke in den 90er Jahren, auf der man häufig nach Beutelsdorf zum „Seebergers Schorsch" ausweichen musste, hat man nun mit der „Frischen Quelle" ein geeignetes Lokal gefunden, in dem man von den alten, erfolgreichen Stammtischjahren schwärmen kann, denn gemäß dem Studentenlied „O alte Burschenherrlichkeit, wohin bist du entschwunden..." kann man heute singen „O alte Stammtischherrlichkeit....".

Gerade einmal neun stattliche Mannsbilder sind heute beim Stammtisch der „Durstigen" noch übrig geblieben, die sich wöchentlich in der Würzburger Straße treffen, noch immer in eine Kasse einzahlen und bei passender Gelegenheit Feste feiern. Konrad Wittmann  und Robert Keller halten den „Verein" am Leben und werden tatkräftig unterstützt von Ernst Förtschl, Albert Herderich, Andreas Hagen, Georg Seeberger, Karl Mehler, Hubert Seidler und Franz Eichner.

                              Klaus-Peter Gäbelein     

 

Klaus-Peter Gäbelein
Autor: Klaus-Peter GäbeleinWebsite: https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus-Peter_G%C3%A4beleinE-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Koordinator für den Steinweg
Klaus-Peter Gäbelein (Pseudonym: Klaus Bedä) ist ein deutscher Autor, Historiker, Kolumnist, Mundartdichter und Moderator mit einem Schwerpunkt auf fränkischer Geschichte und Brauchtum sowie fränkischer Mundart. Er ist der Verfasser zahlreicher Werke zu Themen der Regionalgeschichte Frankens, dem fränkischen Brauchtum, sowie von Schulbüchern. Seit 1981 schreibt Gäbelein regelmäßig Artikel für die Regionalteile der in Herzogenaurach (Mittelfranken) erscheinenden Tageszeitungen und seit 1992 die Glosse „Do dud dä fei deä Oäsch weh!

Design by WD