Herzogenaurach im Frühjahr 1919

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Herzogenaurach (gä) Mit gemischten Gefühlen hatte die Herzogenauracher Bevölkerung  am 1. August 1914 die Bekanntmachung der Mobilmachung  für den Beginn des Kriegs aufgenommen, der Europa und letztlich die ganze Welt erschüttert hat. Als im November 1918 die Waffen endlich verstummten, hatten über 100 Familien in der Stadt Vater, Bruder oder Sohn verloren.

Entsagungen und Hunger

Längst war das deutsche Wirtschaftssystem zusammengebrochen und seit 1917 waren Handel und Wirtschaft infolge der englischen Blockade durch einschneidende Maßnahmen erheblich eingeschränkt. Die wichtigsten Grundnahrungsmittel waren ebenso wie Luxusgüter Mangelware .Die harten Winter 1916/17 und 1917/18, als „Steckrübenwinter" in die Geschichte eingegangen, waren Ausdruck der grassierenden Katastrophe. Die fränkischen „Dorschn" oder „Brunsrubn" mussten fehlende Kartoffeln ersetzen - und auch sie wurden rationalisiert. Im gesamten Reich und auch in Herzogenaurach mangelte es an Brotgetreide.

Durch die englische Blockade war beispielsweise ein erheblicher Zucker- und Fettmangel zu verzeichnen. In der Stadt drohten außerdem empfindliche Strafen für überhöhten Verkauf von Nahrungsmitteln. Wehe dem, der Hutzucker für mehr als 41 Pfennige pro Pfund oder Würfelzucker für mehr als 42 Pfennige pro Pfund anbot; er musste mit erheblichen Strafen rechnen. Petroleum und Karbid, damals wichtig für die häusliche Beleuchtung, gab es kaum mehr zu kaufen und so blieb es in  manchen Häusern nach Einbruch der Dunkelheit finster.

Rüge für Ehrlichkeit

Längst waren Brot- und Fleischkarten ausgegeben worden, was zur erheblichen Zunahme des „Schwarzmarkts" führte. Fleisch durfte bei Kriegsende nur noch an die beiden Lazarette im Liebfrauenhaus und im „Kurhotel Monopol" (heute Gaststätte „Lindengarten") ausgegeben werden. Der hiesige Schutzmann Herbig beschlagnahmte in der vierten Augustwoche 1918 beim Gastwirt Drescher („Rotes Ross", heute Sparkasse) schwarz geschlachtetes Fleisch. Nach seiner Meldung ordnete der Bezirkstierarzt an, dass das Fleisch an die genannten Lazarette zu je 1/3 verteilt und der Rest für kranke Personen in der Stadt zur Verfügung gestellt werden soll. Diese Regelung ärgerte den Polizisten dermaßen, dass er sich zu folgender Äußerung hinreißen ließ: „ Wenn ich gewusst hätte, dass das Kalb die Preußen  (gemeint waren die Verwundeten in den beiden Lazaretten) zu fressen kriegen, hätte ich in Sachen der Schwarzschlachtung überhaupt nichts unternommen." Der Herr Gendarm erhielt daraufhin für diese Äußerung von seinem Dienstherrn, dem Bezirksamtmann Röder aus Höchstadt, eine Rüge. Dem Gastwirt Römmelt wurden in diesen schweren Tagen gerade einmal fünf Pfund Fleisch in der Woche zugeteilt.

Das politische Leben im Frühjahr 1919

Im November 1918 verhallten die letzten Schüsse an der Westfront und in den deutschen Großstädten tobten Unruhen. In München rief  Kurt Eisner am 2. Dezember 1918 die Revolution aus, in Berlin bemühte sich der Rat der Volksbeauftragten um Ruhe und Ordnung wieder herzustellen und im Januar 1919 war die deutsche Bevölkerung zu den Wahlurnen gerufen. Zwar siegte der bürgerliche Block, doch kehrte mit dessen Sieg noch keine Ruhe im Reich ein. Linke Gruppen und rechte Freikorps lieferten sich erbitterte Kämpfe. Die Reichsregierung wich ins beschauliche Weimar aus und nach der Ermordung Eisners in München  (21. Februar 1919) musste die bayerische Regierung  unter dem Sozialdemokraten Johann Hoffmann von München nach Bamberg „übersiedeln".

Rechtsextreme Kräfte und Sozialisten bzw. Kommunisten standen sich  feindselig gegenüber! Vaterländische Verbände und Freikorps auf der rechten Seite bekriegten sich mit  linken Gruppierungen, Arbeiter- und Soldatenräten,  welche die Weiterführung de Revolution und die Diktatur des Proletariats forderten.

Auch Herzogenaurach blieb von den Unruhen nicht verschont. In Herzogenauracher Volksblatt vom 14. April 1919 wurde zur Bildung einer „Volkswehr" aufgerufen. Man verwies auf die Gefahr, die vom Bolschewismus her drohte und auf die kommunistischen Unruhen in München und rief die männliche Bevölkerung auf, sich freiwillig zur „Volkswehr"  beim „Stadtmagistrat" zu melden. Zu Unruhen scheint es der Stadt nicht gekommen zu sein. Heinrich Ruhmann und Georg Gruhmann vom hiesigen Arbeiter- und Soldatenrat  richteten an die Direktion der „Vereinigten Fränkischen Schuhfabriken" die Bitte, sie bei der Wohnungsbeschaffung zu unterstützen, „eventuell durch den Bau von Werkswohnungen".

 Im Sommer und Herbst 1919 eskalierte die Situation in der Stadt. Infolge der zunehmenden Hungersnot hatten Arbeiter zur Selbsthilfe gegriffen. Man beschlagnahmte bei zwei Bauern je einen Ochsen und ein Schwein und verteilte das Fleisch an die Arbeiter. Bezirksamtmann Röder in Höchstadt verurteilte diese Aktion und sicherte den Arbeitern pro Monat ein Stück Großvieh als Ergänzung der dünnen Fleischrationen zu. Der Herzogenauracher Stadtrat beschloss daraufhin einen „Lebensmittelausschuss" einzurichten. Gendarm Herbig hatte am  10.Mai 1919 einen Nürnberger festgenommen, der zwölf Laib Brot bei den Herzogenauracher Bäckern gekauft hatte. Die Bevölkerung litt Not. 22 Zentner Auslandsspeck, 16 Doppelzentner Auslandsweizenmehl, eineinhalb Zentner Fett, 27 Pfund Butter, 5,5 Zentner Gerstengraupen, fünf Kisten Haferflocken, 390 Pfund Reis, sieben Kisten Käse und die Genehmigung, jede Woche ein Stück Großvieh schlachten zu dürfen, waren einfach zu wenig für die hungernde Bevölkerung. Auch die Zuteilung von 4500 Zentnern Kartoffeln für die rund 3000 versorgungsberechtigten Herzogenaurach stellte die Ernährung nicht sicher.

Kommunalwahlen 1919

Für den 15. Juni 1919 waren Kommunalwahlen in Bayern angesetzt. Im hiesigen „Tagblatt" waren am 7.Juni die Wahlvorschläge abgedruckt. Neben der „Sozialdemokratischen Mehrheitspartei" (MSPD)  (10 Personen) kandidierten die „Bürgerpartei" (5 Wahlvorschläge) sowie die „Bayerische und Deutsche Volkspartei"(12 Personen) für das Stadtparlament. Während bei den „Sozis" um Werner Adler hauptsächlich Schuhmacher und Fabrikarbeiter kandidierten, überwog bei der „Volkspartei" großbürgerliche Element mit dem Brauereibesitzer Joseph Hubmann an der Spitze.

Keine einzige Frau ist auf den drei Wahlvorschlägen zu finden. Politik war - nicht nur in Herzogenaurach - zu Beginn der Weimarer Republik noch weitgehend Männersache! Aber erstmals in der deutschen Geschichte durften - so auch in Herzogenaurach - Frauen zu den Wahlurnen gehen, wenn sie das 20. Lebensjahr vollendet hatten. Kurios war wohl, dass Frauen und Männer in getrennten Wahllokalen ihre Stimmen abgeben mussten.  Die Frauen wählten im alten Schulhaus gegenüber dem Rathaus, die Männer im Rathaussaal.

Zehn „Gemeindevertreter" und der Bürgermeister wurden direkt von der Bevölkerung gewählt. Am Ende wurden fünf Vertreter der Volkspartei gewählt, die Sozialdemokraten entsandten vier Vertreter und Spinnmeister Johann Bitter war der Vertreter der Volkspartei.

Die Wählergunst bei der Bürgermeisterwahl  bei der männlichen Bevölkerung galt dem 71-jährigen Privatier (Rentner) Peter Herbig, der von den Sozialdemokraten und der Volkspartei unterstützt worden war. Die Frauen wählten vornehmlich den von der Volkspartei aufgestellten 61 Jahre alten „Gerichtsexpeditienten"  (Gerichtsangestellter) Wilhelm Bausch, der sich letzten Endes mit 23 Stimmen als Bürgermeister durchsetzen konnte (bis 1922 im Amt)..

Nach einigem Gerangel einigte man sich auf zwei Stellvertreter des Bürgermeisters, und zwar  auf Johann Herold von der Volkspartei und dem bei der Bürgermeisterwahl unterlegenen Peter Herbig.

                                                 Klaus-Peter Gäbelein 

Klaus-Peter Gäbelein
Autor: Klaus-Peter GäbeleinWebsite: https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus-Peter_G%C3%A4beleinE-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Koordinator für den Steinweg
Klaus-Peter Gäbelein (Pseudonym: Klaus Bedä) ist ein deutscher Autor, Historiker, Kolumnist, Mundartdichter und Moderator mit einem Schwerpunkt auf fränkischer Geschichte und Brauchtum sowie fränkischer Mundart. Er ist der Verfasser zahlreicher Werke zu Themen der Regionalgeschichte Frankens, dem fränkischen Brauchtum, sowie von Schulbüchern. Seit 1981 schreibt Gäbelein regelmäßig Artikel für die Regionalteile der in Herzogenaurach (Mittelfranken) erscheinenden Tageszeitungen und seit 1992 die Glosse „Do dud dä fei deä Oäsch weh!

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