Maiglöckchen und Maibock

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Herzogenaurach. „Wie hat man früher den 1. Mai in Herzogenaurach begangen?" Um diese Frage ging es beim letzten Gesprächskreis des Heimatvereins zum Thema „So war es früher...

Man war sich einig: Am 1. Mai gab es eigentlich immer Ausflüge, mit Freunden, mit der Familie oder  mit einem Verein, egal ob mit dem Fußballverein oder der  Kolpingfamilie.  Manche zog es so wie viele Nürnberger und Fürther nach Süden zur „Blöi", sprich zur Baumblüte rund um die Cadolzburg.

Hauptziel für Herzogenauracher war jedoch die Fränkische Schweiz. Mit der Eisenbahn ging es über Forchheim und per „Wiesent Express" in Richtung Ebermannstadt und Behringersmühle. Wanderungen in die Seitentäler der Wiesent, wie in das Aufseßtal oder das Paradiestal mit einer Brotzeit unterwegs - heute heißt das bekanntlich „Picknick" - waren in den Nachkriegsjahren angesagt. Wirtshauseinkehr war möglich, entfiel aber häufig aus Sparsamkeitsgründen.

Beliebt waren auch Wanderungen aufs Walberla, auf dem in den Nachkriegsjahren zwar auch viel los war,  - aber man war vor 50 Jahren noch weit entfernt von dem großen Rummel, der heute rund um Kirchehrenbach oder Schlaifhausen herrscht. Es gab sogar Unentwegte, die es Erlanger Studenten gleich taten und die „Walpurgisnacht" auf dem „heiligen Berg" verbrachten um frühmorgens den Sonnenaufgang zu erleben.

Egal ob im  Fußballverein, bei der Landsmannschaft oder mit der Marinekameradschaft: das Zusammengehörigkeitsgefühl wurde gepflegt und schweißte die Gruppen zusammen. „Wir wanderten mit der Landsmannschaft der Schlesier nach Kriegenbrunn oder „nur" nach Obermembach oder  Weisendorf/Reuth und unterwegs gab es Überraschungen für die Kinder: Schokoladen-Maikäfer waren versteckt, es gab Spiele wie "Wurstschnappen" oder Sackhüpfen, bei denen auch die Erwachsenen zur Gaudi aller mitmachten", so einer der Gesprächsteilnehmer.

Und schließlich hatte Herzogenaurach außer der Eisenbahn auch noch die beiden Busunternehmen Peetz und Schacher, die Ausflugsfahrten zum 1.Mai anboten. Zu Beginn des Wonnemonats wurden die Fahrräder hervorgeholt und man radelte über wenig befahrene Straßen hinaus in die Natur.

Oftmals wurde nach Waldmeister für eine Maibowle gesucht  und natürlich pflückte man Maiglöcken, die im Haus dann ihren strengen Duft verströmten. Maiglöckchenduft war übrigens bei vielen Damen ein beliebtes und gerne aufgelegtes Parfüm.

„Am 1. Mai durften wir endlich Kniestrümpfe anziehen und ganz Unentwegte getrauten sich sogar erstmals bar Fuß zu laufen", erinnerten sich manche. „Und was hat es früher nicht an Maikäfern gegeben! Manchmal war das eine richtige Plage, wenn die Krabbeltiere über  die jungen Blätter von Eichen, Birken oder Buchen herfielen." Ein anderer Teilnehmer erinnert sich: „Wir haben die Maikäfer in Schuhkartons gesammelt, hatten in die Deckel Löcher gebohrt und manchmal die Käfer sogar getauscht, denn es gab die unterschiedlichsten Färbungen und Zeichnungen am Rücken. Kaiser, Müller oder Schlotfeger nannten wir sie und oft landeten sie auf dem Hühnerhof als zusätzliches „Kraftfutter" für das Federvieh. Manches Mal hat man sogar behauptet, dass die Eier dann nach Maikäfer geschmeckt  -oder besser gesagt - gerochen  haben.

Dass die  Maikäfer oftmals auch auf den Köpfen und in den Haaren der Mädchen ausgesetzt wurden oder im Schulunterricht zum Starten angehaucht wurden, wussten vor allem die männlichen Teilnehmer zu berichten. Da war dann im Klassenzimmer, zum Hallo aller, Maikäferjagd während des Unterrichts angesagt.  

Der Besuch der Maiandachten am Abend hatte es vielen Jugendlichen angetan. Doch es waren nicht ausschließlich die stimmungsvollen Gottesdienste, die ihren Reiz ausübten, sondern eher das abendliche Treffen mit Freunden und vor allem mit dem anderen Geschlecht. Und so dauerten eben die Andachten manchmal etwas länger, weil man einen Abstecher in die Milchbar am Markt oder zum Brunk (vor der heutigen Realschule) unternahm - und im Hirtengraben oder am Wiwa-Weiher wurden auch die ersten Zärtlichkeiten ausgetauscht.

Man konnte es kaum erwarten, bis am 15. Mai das Freibad geöffnet wurde und mancher Erwachsene freute sich auf den extra eingebrauten Maibock, den die Herzogenauracher Brauereien anboten. Und in Bier seliger Runde sang man dann den bekannten Gassenhauer: „Am 30. Mai ist der Weltuntergang - wir leben nicht mehr lang....!"

Im Volkshaus oder im Vereinshaus, im Cafe´ Mauser  sogar im FC Heim konnte beim „Tanz in den Mai" geschwoft werden. Da spielte dann Erwin Kitterer mit seiner Band oder die Kapelle Schmerler aus Weisendorf.  „Der 1. Mai war immer ein staatlicher Feiertag  mit einer Maikundgebung im Weihersbach, die aber besuchten meist nur die Gewerkschaftler und bei schönem Wetter war dann Frühschoppen oder nachmittags ein Spaziergang hinaus zu den Kellern angesagt", soweit die Alteingesessenen.

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Klaus-Peter Gäbelein
Autor: Klaus-Peter GäbeleinWebsite: https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus-Peter_G%C3%A4beleinE-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
1. Vorsitzender Heimatverein Herzogenaurach
Klaus-Peter Gäbelein (Pseudonym: Klaus Bedä) ist ein deutscher Autor, Historiker, Kolumnist, Mundartdichter und Moderator mit einem Schwerpunkt auf fränkischer Geschichte und Brauchtum sowie fränkischer Mundart. Er ist der Verfasser zahlreicher Werke zu Themen der Regionalgeschichte Frankens, dem fränkischen Brauchtum, sowie von Schulbüchern. Seit 1981 schreibt Gäbelein regelmäßig Artikel für die Regionalteile der in Herzogenaurach (Mittelfranken) erscheinenden Tageszeitungen und seit 1992 die Glosse „Do dud dä fei deä Oäsch weh!

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