Gottesmann fiebert mit... Teil1

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desire.jpgAfrika Cup im Fußball

Seit sechs Jahren lebt er in Herzogenaurach. Manche Busfahrer kennen ihn, wenn sie nach Erlangen fahren, weil er dort die harten Bänke in den Hörsälen drückt, noch bekannter aber ist er als katholischer Priester in den Herzogenauracher Pfarreien. Die Rede ist von Jean Desire´ Sawadogo, der rechten  Hand von Stadtpfarrer Helmut Hetzel.

Mit seinen acht Geschwistern, als Sohn eines Land-Katecheten auf dem Land aufgewachsen und christlich katholisch erzogen besuchte Jean Desire´ (zu Deutsch Johannes, der Erwünschte) besuchte nach der Grundschule und dem Knabenseminar das Priesterseminar in der Hautstadt Quagadougou, wurde zum Priester geweiht und feierte seine Primiz in der Heimatgemeinde. Lahrtätigkeit am Seminar und dann die Seelsorge im benachbarten Kaya waren weitere Stationen in seiner jungen Laufbahn. Trotz aller Studien: Theologie und Philosophie, der Fremdsprachen Französisch (Amtssprache) Englisch und Deutsch schlägt sein Herz für den Sport in seinem Heimatland. Und das ist auch heute noch so, selbst wenn er zurzeit im Nerven zehrenden Examen für Philosophie und „Galloromanische Philologie" steht.

Der beliebte Geistliche, 1974 in der Nähe von Kaya in Burkina Faso, Herzogenaurachs Partnerstadt geboren, ist vor allem ein bekennender Fußballfan. Er fiebert derzeit mit seiner heimischen Nationalmannschaft, die am vergangenen Freitag  in die Endrunde im Afrika Cup eingezogen ist.

In seinem gemütlichen Wohnzimmer in der Kaplanei von St. Magdalena hängt unter dem Fernsehapparat die rot-grüne Nationalflagge seines Heimatlandes und an der Wand prangt als Zugeständnis zur neuen Heimat, die deutsche Fahne.

„Was in meinem Heimatland passiert, interessiert mich natürlich brennend. Das ganze Land befindet sich zur Zeit im Fußballfieber, nachdem die Nationalmannschaft mit zwei Unentschieden gegen Sambia und Nigeria und einem überragenden 4 : 0 gegen Äthiopien das Viertelfinale im Cup erreicht hat." Desire´s Augen leuchten und man merkt ihm Stolz und Freude über den sportlichen Erfolg seiner Landsleute an.

Ob er selbst auch Fußball gespielt und dem runden Leder nachgerannt ist, möchte ich wissen. „Na ja, ich habe zwar im Knabenseminar gekickt, aber Basketball hat mir besser gelegen und mehr gefallen", bekennt Pfarrer Sawadogo. Das erscheint auch verständlich, wenn man den groß gewachsenen, schlanken Gottesmann so betrachtet.

„Auch wenn meine Landsleute jetzt mit der Nationalelf fiebern, eigentlich sind die Menschen in Burkina Faso ursprünglich Radsportfans". Das verstehe, wer will, Radsportfans in Afrika? Ich habe noch nie einen farbigen Radrennfahrer bei der Tour de France gesehen! Desire´ schmunzelt. „In Europa sind die Radfahrer nicht bekannt, aber zu Hause sind sie Helden. Außerdem erringen sie eigentlich nur dann Erfolge, wenn die Strecken flach sind, denn mein Heimatland ist verhältnismäßig flach und da haben unsere Sprinter immer gut abgeschnitten. Wenn es allerdings ins Gebirge geht, da fallen sie zurück." Und er ergänzt: „ Die Tour des Faso ist ein ganz beliebtes Radrennen in Afrika, vergleichbar mit der Tour de France in Europa. Bei 26 Rennen siegten zwölf Mal Rennfahrer aus Burkina Faso bei einem Radrennen über 1300 Kilometer in zehn Etappen."

Doch zurück zum Fußball. Seit Sonntag steht es fest. Die „Hengste", wie man die Nationalmannschaft nennt, haben es tatsächlich geschafft! In einem packenden Match siegten sie in der Verlängerung das benachbarte Togo mit 1 : 0. Das ganze Land jubelte in der 105. Minute der Verlängerung, als Jonathan Pitroipa den Siegtreffer per Kopf erzielte. Eben jener Spieler, der seine Profikarriere in Freiburg in der 2. Liga begonnen hat und dessen Weg über den HSV nach Frankreich führte. „Jonathan Pitroipa ist nur 1,74 groß und mit seinen langen dünnen Beinen nicht der Prototyp eines Fußballers; aber er ist immer in Bewegung, pfeilschnell und Tor gefährlich und - er ist laut Statistiken der am meisten gefoulte Stürmer in ganz Europa", ergänzt Pfarrer Sanogo.

„Die ganze Mannschaft hat am Sonntag für den Torhüter gespielt, dessen Vater vor dem letzten Gruppenspiel bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist und natürlich für den Fußball besessenen Präsidenten, der am Sonntag zur Wiederwahl stand."

Auf meinen Hinweis, dass sich viele Spieler vor oder nach dem Spiel bekreuzigen, klärt mich Jean Desire´ auf. „Viele Spieler sind bekennende Christen, ein großer Teil sogar Katholiken und auch die Mohammedaner nehmen ihren Glauben mit in das Spiel und auf den Platz, sie verinnerlichen ihre Religion. Übrigens sind in meinem Land, das mit rund 17 Millionen Einwohner ein wenig größer als Bayern ist, knapp ein Drittel Christen und von ihnen wiederum 20 % Prozent Katholiken."

Und auf die allgemeine Situation im Fußball seines Heimatlandes angesprochen, berichtet der Priester: "In unserem Land wird in zwei Ligen unter  (halb)professionellen Bedingungen gespielt. Darunter gibt es nur „wilde Ligen".

Man ist dabei, auch in den unteren Klassen bessere Bedingungen zu schaffen, auch im Junioren- und Frauenbereich. Denn dass es gute Kicker in Burkina Faso gibt, beweisen Profis wie der Torschütze vom Sonntag, Jonathan Pitroipa, der derzeit leider verletzte Alain Traore/  oder der beim FC Augsburg aktive Aristide Bance ´. Und natürlich muss auch im äußeren Umfeld etwas getan werden, denn noch immer spielt der Erstklassist Kaya auf Sandboden."

Mit einem Strahlen in den Augen verweist Jean Desire´ Sanogo auf den kommenden Mittwoch, wenn „seine Nationalmannschaft" gegen Ghana um den Einzug ins Endspiel des Afrika-Cups kämpfen wird. Den vierten Platz hat die Mannschaft, mit dem Puma auf den Trikots auf jeden Fall schon sicher. Und das ist ein Erfolg für das kleine Land, in dem der Fußballsport wohl bald den Radsport in der Beliebtheitsskala abgelöst haben dürfte. Und am Mittwochabend wird in der Kaplanei Pfarrer Sanogo mit seinen Nationalspielern und der gesamten Nation mitfiebern, wenn das Spiel auf Eurosport übertragen wird.

 

                                               Klaus-Peter Gäbelein
Klaus-Peter Gäbelein
Autor: Klaus-Peter GäbeleinWebsite: https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus-Peter_G%C3%A4beleinE-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
1. Vorsitzender Heimatverein Herzogenaurach
Klaus-Peter Gäbelein (Pseudonym: Klaus Bedä) ist ein deutscher Autor, Historiker, Kolumnist, Mundartdichter und Moderator mit einem Schwerpunkt auf fränkischer Geschichte und Brauchtum sowie fränkischer Mundart. Er ist der Verfasser zahlreicher Werke zu Themen der Regionalgeschichte Frankens, dem fränkischen Brauchtum, sowie von Schulbüchern. Seit 1981 schreibt Gäbelein regelmäßig Artikel für die Regionalteile der in Herzogenaurach (Mittelfranken) erscheinenden Tageszeitungen und seit 1992 die Glosse „Do dud dä fei deä Oäsch weh!

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