Sagen: Die Badjungfer

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Einst passierte in Herzogenaurach etwas, was das ganze Städtchen in helle Aufruhr versetzte.

Die Frau des Schusters Christoph war eines Abends zur Zeit des Gebetsläutens unterwegs. Es war schon recht dunkel und war gar nicht wohl in den engen und finsteren Gassen. Sie erschrak fast zu Tode, als sie an der Straßenecke beim Schwarzbecken plötzlich eine unheimliche weiße Frauengestalt sah, die ihr zuwinkte.

Der Mondschein fiel auf die Gestalt, die ihre Arme über ihrem entblößten Oberkörper verschränkte. Die weiße Frau sah wie die alte verstorbene Badepächterin aus. Unter ihrer „Schippen-Haube" schaute ein grünliches Antlitz hervor und aus leeren Augen glotzte sie die Schusterin an.

Atemlos rannte diese voller Schrecken nach Hause. Immer wieder erschreckte diese Erscheinung der längst verstorbenen Badersfrau Männer und Frauen in Herzogenaurach. Als die Schusterin, die man schließlich aufs Rathaus geladen hatte, schließlich auch noch erzählte, dass in ihrem Hof der Pumpenschwengel am ehemaligen Badbrunnen Schlag 12 Uhr in der Nacht mächtig auf und nieder geschlagen wurde, was vermutlich die alte Badersfrau getan hat, schlug den Ratsherren das schuldbewusste Herz. Sie verfügten, dass wieder ein Bader eingestellt wurde, der ausdrücklich dazu verpflichtet wurde, viermal im Jahr ein Seelbad für die Armen abzuhalten.

Darauf wurde die unheimliche weiße Frau nicht mehr gesehen, die offensichtlich doch die verstorbene Badersfrau gewesen sein muss und deren Auftrag somit erfüllt war.

Die Hintergründe: In Herzogenaurach gab es früher zwei Badestuben. Die „Obere Badestube" bestand bereits 1393. Sie befand sich nach den alten Katasterplänen im Haus Nr. 53 neben dem Türmersturm (heute „Wein und fein"). 1393 hatte hier der Bürger Hermann Zirndorfer mit seiner Gattin Kunigunde ein „Seelbad gestiftet". Die mittelalterlichen Seelbäder verdanken ihre Entstehung der Vorstellung, dass jedes gute Werk - also auch die Stiftung einer Badestube mit einem monatlichen kostenlosen Bad für die Armen und das Gemeinwohl - der Seele seines Urhebers zur ewigen Seligkeit gereichen soll. Dieses Seelbad existierte bis gegen 1700 und deshalb hieß die heutige Hautstraße auch „Obere Badgasse".

Die „Untere Badestube" befand sich im Haus Nr. 27 in der heutigen Badgasse (ehemaliges „Schürrshaus" mit der Nr. 4, in dem heute die Volkshochschule untergebracht ist). Dies war eine städtische Einrichtung und mit einem eigenen Bademeister (Bader) bestellt.

Im Zeitalter der Reformation und nach dem 30-jährigen Krieg wurden die meisten Badestuben geschlossen. Ansteckende Krankheiten, Seuchen und die zunehmende Geldentwertung waren wohl die Ursachen.    K.-P. Gäbelein

Klaus-Peter Gäbelein
Autor: Klaus-Peter GäbeleinWebsite: https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus-Peter_G%C3%A4beleinE-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
1. Vorsitzender Heimatverein Herzogenaurach
Klaus-Peter Gäbelein (Pseudonym: Klaus Bedä) ist ein deutscher Autor, Historiker, Kolumnist, Mundartdichter und Moderator mit einem Schwerpunkt auf fränkischer Geschichte und Brauchtum sowie fränkischer Mundart. Er ist der Verfasser zahlreicher Werke zu Themen der Regionalgeschichte Frankens, dem fränkischen Brauchtum, sowie von Schulbüchern. Seit 1981 schreibt Gäbelein regelmäßig Artikel für die Regionalteile der in Herzogenaurach (Mittelfranken) erscheinenden Tageszeitungen und seit 1992 die Glosse „Do dud dä fei deä Oäsch weh!