Vortrag: Dr. Dippold, Bader, Ärzte, Apotheker in Herzogenaurach

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Professor Dr. Günter Dippold, Forscher, Dozent an der Universität Bamberg und Bezirksheimatpfleger von Oberfranken, dazu bekennender Franke und Fan von Herzogenaurach, referierte zum 12. Mal beim Heimatverein, diesmal mit einem Thema zum hiesigen Gesundheitswesen.

Grundlage für seinen Vortrag in der voll besetzten Gaststätte Heller waren die Unterlagen des Landgerichts Herzogenaurach, die 1838 vom hiesigen Gerichtsphysikus Dr. Eichhorn verfasst worden sind. Der Mediziner hat die Arbeitsbedingungen und Erwerbsverhältnisse im 12.700 Menschen zählenden Amtsbereich Herzogenaurach festgehalten, schließlich waren sie entscheidend, die Krankheiten in seinem Amtsbereich zu bekämpfen.

In unserer Gegend, seit 1803 von Bayern regiert, hatte eine allgemeine Schutzimpfung mit Kuhpocken gegen die verbreitete Pockenseuche Erfolge gebracht. Eine weitere Maßnahme gegen diese Seuche war – aus hygienischen Gründen, die Verlegung von Friedhöfen nach draußen vor die Ortschaften. Herzogenaurach ging mit gutem Beispiel voran: der Gottesacker, noch um die Pfarrkirche gelegen, wurde vor die Stadt an die Stelle des heutigen alten Friedhofs verlegt.

Ab 1804 wurde Bayern in Landgerichte gegliedert. Herzogenaurach wurde 1812 Amtssitz. Allerdings lag die Versorgung mit studierten Medizinern noch sehr im Argen. Auf dem Land und in den kleinen Städten kauften die Apotheker und angeblichen Mediziner ihre Heilmittel, wie Salben und Pastillen gegen die „Franzosenkrankheit“ (Syphilis) bei fahrenden Händlern oder Quacksalbern. Ein kranker Mönch aus Bamberg ließ sich gar beim Scharfrichter (Henker) in Königshofen/Grabfeld) behandeln.

Wenn man einen akademisch gebildeten Arzt brauchte, musste man nach Bamberg oder Erlangen, bisweilen auch in die Festungsstädte Forchheim oder Kronach gehen. Noch immer hatten die Bader das Sagen; ihnen blieb es vorbehalten, Schröpfköpfe zu setzen, zur Ader zu lassen, Pflaster anzuwenden und nur äußere Wunden, bisweilen höchstens einen Beinbruch zu behandeln. In den katholischen Ortschaften suchte man Hilfe auf Wallfahrten. Man fand bisweilen Genesung durch Besuche in Gößweinstein oder Vierzehnheiligen.

Zwischen 1812 und 1838 starben in Herzogenaurach 7200 Personen, davon war etwa die Hälfte unter 15 Jahren. Die meisten Verstorbenen waren jünger als ein Jahr. Noch 1887 bis 1888 verzeichnete man in Herzogenaurach den Tod von 98 bzw. 80 Kindern unter 10 Jahren. Erst 1930 sank die Zahl unter 20. Der eingangs erwähnte Dr. Eichhorn sah den Grund für diese hohen Zahlen in dem Glauben vieler Menschen, „dass man mit so kleinen Wesen noch nichts anfangen könne“ und im Amt Ebermannstadt teilte das Volk die Ansicht, „daß das ein oder andere Kind wohl gar überflüssig und entbehrlich sei und der Verlust bald wieder ersetzt werden könne“. Wer die ersten zehn Lebensjahre überstanden hatte, der hatte Chancen, ein höheres Lebensalter zu erreichen. Selbst auf dem Land, wo die Menschen schwer arbeiten mussten, wurde jeder achte älter als 70 Jahre, wobei die Landbevölkerung „leichtere Krankheiten“ weniger beachtete und selbst Wöchnerinnen schon kurz nach der Entbindung wieder Haus- und selbst Feldarbeiten erledigten.

Dr. Eichhorn verwies darauf, dass „der Landmann“ zuerst traditionelle Wege bei Krankheiten beschreite: Abführen, Schwitzen und Aderlassen, waren die Therapien. Schlügen die Hausmittel nicht an, so versuchte man es bei „Hundsbiß- Krämpfen- bey Leibsbrüchen ….“, mit Besprechungen oder Exorzismen (Teufelsaustreibungen). Erst dann kam der Arzt an die Reihe. Der Mediziner Eichhorn sah eine Verbesserung der Zustände in der Ansiedlung einer Apotheke. Doch die Niederlassung eines Apothekers ließ noch lange auf sich warten.

Dr. Eichhorn blieb auch die teils mangelhafte Ernährung der Landbevölkerung nicht verborgen. „Geräucherte oder gesalzenes Schweinefleisch, Mehlspeisen, Eyerspeisen, Milch und Butter, Obst …Gemüse machen die Kost des mehr bemittelten Landmanns aus.“ Die Ärmeren dagegen mussten sich mit weniger begnügen: dreimal Kartoffeln mit Salz und monatelang lein Fleisch, so sah der Speiseplan aus. Dem Mediziner sah auch die weniger erfreulichen Wohnverhältnisse der ärmeren Schichten: alle lebten in einem Raum, und es kamen auch noch junges Geflügel, Schweine oder Ziegen noch dazu.

Die Behörden verhinderten 1817 die Niederlassung des Apothekers Förtsch in Herzogenaurach wegen dessen fehlenden Vermögens und der Nähe zu Erlangen. Erst 1831 wurde dem Pharmazeuten Carl Leopold Beyschlag erlaubt, im damaligen Brauereigasthof „Zum schwarzen Bären“ eine Apotheke zu eröffnen. Diese kann heute voller Stolz auf eine durchgehende Führung im Familienbesitz zurückblicken. Und um in einem kleinen Landstädtchen überleben zu können, es fehlte ja immer noch an einem eigenen „Landphysikus“ (Landarzt), übernahm Beyschlag 1845 den Posten eines „Postexpeditors“, also des Posthalters in Herzogenaurach.

Zahlreiche Mediziner versuchten in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts sich eine Existenz aufzubauen. Bis auf Dr. Eduard Badum, der 24 Jahre hier wirkte, hielt es keinen an der Aurach. 1838 wird eine Krankenanstalt erwähnt, das Siechhaus, eine Einrichtung für „arme, unheilbare, Ekel erregende Kranke“, die oftmals leer stand und in der 1899 14 Patienten gezählt wurden, mit einer durchschnittlichen Verweildauer von acht Tagen. Das armselige Gebäude stand in der Erlanger Straße gegenüber dem heutigen Liebfrauenhaus (später Tankstelle Peetz, heute Notariat).

Mit der Berufung von Armen Franziskanerinnen aus Mallersdorf im Jahr 1893 wurde die ärztliche Versorgung in Herzogenaurach seriöser und besser.

Ein Blick in das Ärzteverzeichnis unserer Stadt von heute zeigt, wie gut Herzogenaurach heute medizinisch und apothekenmäßig versorgt ist.

Klaus-Peter Gäbelein

Klaus-Peter Gäbelein
Autor: Klaus-Peter GäbeleinWebsite: https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus-Peter_G%C3%A4beleinE-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
1. Vorsitzender Heimatverein Herzogenaurach
Klaus-Peter Gäbelein (Pseudonym: Klaus Bedä) ist ein deutscher Autor, Historiker, Kolumnist, Mundartdichter und Moderator mit einem Schwerpunkt auf fränkischer Geschichte und Brauchtum sowie fränkischer Mundart. Er ist der Verfasser zahlreicher Werke zu Themen der Regionalgeschichte Frankens, dem fränkischen Brauchtum, sowie von Schulbüchern. Seit 1981 schreibt Gäbelein regelmäßig Artikel für die Regionalteile der in Herzogenaurach (Mittelfranken) erscheinenden Tageszeitungen und seit 1992 die Glosse „Do dud dä fei deä Oäsch weh!

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