Krankheiten und Epidemien

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Herzogenaurach. Fast stündlich erreichen uns neue Nachrichten über neue Fälle der „Corona-Grippe“, die sich inzwischen fast weltweit ausgebreitet hat, und die Zahl der Todesfälle nimmt Tag für Tag zu.

Epidemien hat es auch in früheren Zeiten gegeben. Zwischen 1807/25 und 1861/70 hat es europa- und weltweit sieben Wellen von Cholera gegeben. Diese Epidemie ist mit der derzeitigen zwar nicht vergleichbar doch soll hier geschildert werden, wie die Seuche verlaufen ist, wie sie sich ausgebreitet hatund wie man sich vor 200 Jahren (in und um Herzogenaurach) beim Auftreten der „Geisel der Menschheit“ verhalten hat.

Die asiatische oder orientalische Cholera mit den Symptomen „Brechdurchfall“ war seit ihrem ersten Auftreten ab 1817 als gefährliche Krankheit und ansteckende Seuche erkannt und bekämpft worden. Über die damals bekannten Reisewege hatte die Epidemie zunächst die großen Hafenstädte Europas erreicht und sich dann rasant verbreitet. Ab 1836 hatte die Krankheit von Mittenwald aus Deutschland erfasst und von München aus das ganzen Landerfasst.

Als Hauptursache für die Cholera machten die Wissenschaftler vor knapp 200 Jahren die unzureichende und schlechte Ernährung der „dürftigen Klasse“ (der armen Bevölkerungsschichten). Als erste Maßnahmen wurden damals in einzelnen Stadtvierteln Suppenanstalten errichtet. Eine verschärfte Aufsicht sollte den „Ausschank verfälschten Bieres, den Verkauf unreifer Kartoffeln und Früchte sowie in Fäulnis übergehender Würste“ verhindern. Auch in Herzogenaurach wurden Maßnahmen ergriffen, wie der Akte „Vorsorge für Arme- die Einführung einer Suppenanstalt und Brotverteilungen“ im Stadtarchiv zu entnehmen ist.

Ein weiteres Hauptaugenmerk galt der Reinigung „stinkender Werkstätten (der Metzger und Gerber), der Düngegruben usw.“ Als Sofortmaßnahmen mussten Gegenstände, die ein Erkrankter berührt hatte, weit aus der Stadt gebracht werden, “ Kleider und Bettstroh“ wurden verbrannt und das Haus ausgeräuchert. Dennoch stieg die Zahl der Erkrankungen täglich. Vom 16. Oktober bis 27. November 1836 wurden allein in München 902 Fälle gemeldet, davon starben 382. Dass die Seuche dennoch rasch zum Stillstand kam, wurde dem Münchner Brauwesen zugeschrieben. „ohne den warmen, würzigen magenstärkenden Duft des Hopfengeruchs wäre die Luft hier unerträglich gewesen“ steht in den Aufzeichnungen. Reisenden wurde als Gegenmittel gegen die Seuche empfohlen, das vorzügliche Münchner Bier zu trinken. Das schnelle Verschwinden der Epidemie wurde außerdem „dem Segen des Allmächtigen“ zugeschrieben.

Noch schlimmer wütete die Seuche 1854 als in München die erste große Industrieausstellung im neu errichteten Glaspalast stattfand und sich zahlreiche Besucher aus dem In- und Ausland in der Stadt befanden. Nahezu 3000 Opfer forderte die Seuche zwischen Juli und Oktober und „auf den Straßen sah man nur die bekannten schwarzen Wagen“ (Leichenwagen). Aus Furcht vor der Ansteckungsgefahr flüchtete die königlich Familie nach Aschaffenburg. Den Daheimgebliebenen empfahlen die Hof-Ärzte die alten Volksheilmittel „Aufguss von Arnikablüten, Schwarz- oder Preiselbeeren bzw. deren Saft oder Wein sowie das Einreiben der Wundflächen mit einer Salbe aus schwefelsaurem Chinin.

Den Landgerichtsstädten wie Herzogenaurach empfahl man 1854 „Cholera-Lazarette“ einzurichten, da die Ursache noch immer nicht erforscht war. Herzogenaurach wurde aufgefordert, ein geeignetes Gebäude für ein Cholera-Lazarett zur Verfügung zu stellen. Das Stadtphysikat (= städt. Gesundheitsamt) bestimmte das leerstehende Grabenhaus (Haus Nr. 198, heute Reytherstraße 8, damals Bräuhaus, später Arztpraxis und Wohnhaus von Sanitätsrat Dr. Walther) als idealen Standort, “weil hier der Westwind über den freien Platz vor dem Grundstück ständig neue frische Luft bringe und das Grundstück über einen großen Garten verfüge“ (Foto!). Der Besitzer des Hauses (Peter Volkamer), wollte das Gebäude allerdings als Zweifamilienwohnheus vermieten und verkaufte es erst nach längeren Verhandlungen an die Stadt. (Foto !!!) Schließlich wurde das Anwesen 1875 für 2400 Gulden verkauft und der städtischen Spitalstiftung zugeführt. (Eine spätere Schätzung ergab: der Wert des Gebäudes liegt bei 3900 Gulden, ein „Schnäppchen“ für den Eigentümer!

Die Verantwortlichen im Rathaus spielten mit dem Gedanken, nach Abklingen der Epidemie, das Gebäude für eine „Kinder-Bewahranstalt“ (Kindergarten) zu nutzen. Nach 1875 mangelte es an Schulräumlichkeiten in der Stadt und das als Cholera-Spital gedachte Gebäude wurde vorübergehend Schulhaus mit Lehrerwohnung.

Eine weitere Belastung für das Gesundheitswesen in Herzogenaurach stellte eine im August 1904 aufgetretene Typhusepidemie dar, die im Haus des Bäckermeisters Rudert ausgebrochen war. Drei Personen fielen der Krankheit zum Opfer. Die Untersuchung des Rudertschen Brunnens ergab eine hohe Verunreinigung des Trinkwassers, vor allem mit Chlor, Salpetersäure sowie Fäkalien. Die Konsequenzen: Die Stadt Herzogenaurach erhielt die Auflage, „sämtliche Aborte und Dungstätten“ zu überprüfen und binnen 8 Wochen ein Kanalisationsprojekt ausarbeiten zu lassen. 1907 wurde diese Forderung umgesetzt.

Klaus-Peter Gäbelein

Klaus-Peter Gäbelein
Autor: Klaus-Peter GäbeleinWebsite: https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus-Peter_G%C3%A4beleinE-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Koordinator für den Steinweg
Klaus-Peter Gäbelein (Pseudonym: Klaus Bedä) ist ein deutscher Autor, Historiker, Kolumnist, Mundartdichter und Moderator mit einem Schwerpunkt auf fränkischer Geschichte und Brauchtum sowie fränkischer Mundart. Er ist der Verfasser zahlreicher Werke zu Themen der Regionalgeschichte Frankens, dem fränkischen Brauchtum, sowie von Schulbüchern. Seit 1981 schreibt Gäbelein regelmäßig Artikel für die Regionalteile der in Herzogenaurach (Mittelfranken) erscheinenden Tageszeitungen und seit 1992 die Glosse „Do dud dä fei deä Oäsch weh!

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