Wirtschaftskrise in den 20-er Jahren

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Der Fluch der Monostruktur
Herzogenaurach (gä) Haben vor einem halben Jahr Journalisten der größten deutschen Tageszeitungen, Illustrierten und Wirtschaftsmagazine sowie die Fernsehanstalten über  die „booming city" Herzogenaurach berichtet, so ist diese Euphorie in den letzten beiden Monaten eher kritischen und bisweilen boshaften Artikeln gegenüber der Firmenchefin Maria-Elisabeth Schaeffler gewichen.

Tausende in der Stadt und in der Region  sind von  Kurzarbeit betroffen, die jedoch nicht nur das Familienunternehmen Schaeffler zu verantworten hat. Blicken wir zurück in der Geschichte, so ist Herzogenaurach schon mehrfach arg gebeutelt worden, was die wirtschaftliche Situation betrifft. Vor rund 150 Jahren, als das Städtchen mit seinen knapp 2000 Einwohnern (um 1850) noch teilweise agrarisch strukturiert war, lebten über 200 Handwerksmeister  an der Aurach. Die meisten von ihnen verdienten zusammen mit Frau und Kindern ihren Lebensunterhalt in der Tuchmacherei und Weberei. Letztere produzierten Leinen für Tisch- und Leibwäsche aus den hiesigen Flachspflanzen, erstere fertigten Wollstoffe, Flanelle und Filze  und waren häufig als Walker (walken bedeutet  „einen Stoff stampfen oder stoßen und ihn zu Filz verarbeiten; vgl. den Familiennamen „Welker").

Um 1850 produzierten noch 68 Tuchmacher und 12 Leinenweber in der Stadt. Einer von ihnen, Georg Denkler  von der Hauptstraße fertigte in dieser Zeit aus den vorhandenen Filzstoffen die ersten „Schlappen" (Filzschuhe) und gilt zurecht als der Vater der hiesigen „Schlappenschuster", Im Gefolge Denklers sattelten die meisten Tuchmacher bald um. Im Jahr 1900 gab es nur noch 10 Tuchmacher, dafür aber eine große Zahl von Schuhmachern und vor allem von Schuhfacharbeitern, die in den ab 1890 gegründeten Schuhfabriken gut bezahlte Arbeit fanden. Im Jahr 1900 zählte man immerhin 25 Schusterbetriebe und sechs „mechanische Betriebe" in der Schuhfabrikation mit rund 300 Arbeitern. Bis 1914 waren in fünf Betrieben 450 Arbeiter beschäftigt.

Diese sehr einseitige industrielle Ausrichtung sollte sich nach dem verlorenen Weltkrieg verheerend für die Stadt auswirken. Die 20-er Jahre in der Weimarer Republik sind als die „Hungerjahre" in die Geschichte, vor allem auch in die Herzogenauracher Geschichte eingegangen. Es mangelte nicht nur an Rohstoffen für die Schuhindustrie, es fehlten auch die Aufträge für die Schuhfabriken. Das Bezirksamt Höchstadt überwies dem hiesigen Stadtrat  1919 20 Pfund Leder mit der Auflage, „dieses zum Besohlen von Schuhen der Familien zu verwenden, deren Ernährer noch im Heer stünden".

Im selben Jahr wurde die Stadt mit 22 Zentnern Auslandsspeck, 16 Zentnern Auslandsweizenmehl, eineinhalb Zentnern Fett,  27  Pfund Butter, 5,5 Zentnern Gerstengraupen, fünf Kisten Haferflocken, 390 Pfund Reis und sieben Kisten Käse aufs Notwendigste versorgt. Außerdem durfte in jeder Woche ein Stück Großvieh geschlachtet werden. Und letztlich wurden den hungernden 3000 Einwohnern lediglich 4500 Zentner Kartoffeln zugeteilt. Kein Wunder, dass hungernde Arbeiter dem Bauern Breun aus Steinbach einen Ochsen und dem Bauern Schonath in Herzogenaurach ein Schwein gestohlen und heimlich geschlachtet haben.

Und die wirtschaftliche Situation wurde ab 1922 noch schlimmer. Bekanntlich stiegen die Preise im Inflationsjahr 1923 ins Unermessliche und die  Stadt Herzogenaurach durfte sogar ihr eigenes Notgeld drucken. Ein Ei war nicht unter 180000 Reichsmark zu haben, ein Pfund  Butter kostete vier Millionen Reichsmark, gleichviel ein Suppenhuhn.

Am 13. April 1927, als die hiesige Zeitung zum Osterfest  vermerkte „Sonst wäre an besonderen Ostergaben noch der Aurachquell der Brauerei Polster zu erwähnen, an dem sich manche labten und bei dessen guten Tropfen viele wünschten, das ganze Jahr möge Ostern sein."  

1927/28 gab es 71 wohnungssuchende Familien  in der  Stadt und  die Arbeitslosenzahl stieg auf 71 Prozent; dies war die höchste Quote im gesamten Reichsgebiet!  Dies veranlasste  den 1907 zum Ehrenbürger ernannten Gründer des Liebfrauenhauses, Pater Cyprian Fröhlich, aktiv zu werden. Aus der Reichshauptstadt Berlin schrieb er am 14.06.1927 folgenden Brief:

           „An den Stadtrat Herzogenaurach.
        
  In des Reiches Hauptstadt hörte ich zu meinem großen Leidwesen
             von der entsetzlichen  Arbeitslosigkeit der Bevölkerung. Mit
             71 Prozent marschiert Herzogenaurach an erster Stelle im Reich.
             Das sollte dem Ehrenbürger von Herzogenaurach nicht zu Herzen
            gehen?

            H.H. Domkapitular Madlener ist hier, um für Ihre Arbeitslosen etwas
            Ordentliches herauszuschlagen . Ich werde ihm helfen beim Reichskanzler,
            der mich gut kennt, für Euch intervenieren.
            Einstweilen aber erhalten Sie vom St. Cypriansverein in München, der

            gerade für arbeitslose Jugendliche, allerdings zunächst für frühere Zöglinge
            des Ser. Liebeswerks, sorgt, aber wo die Noth am größten, muss man helfen,
            300 M..., welche für Kinder und jugendliche Arbeitslose verwendet werden soll.
            Vielleicht kann ich Ihnen bald Größeres in Aussicht stellen!

                             Ergebenst grüßt

                                  P. Cyprian Fröhlich O.M. Cap.

                                   Ehrenbürger von Herzogenaurach

Und die Herzogenauracher erwiesen sich schon im 19. Jahrhundert als echte Stehaufmännchen. Man rückte zusammen und dank eines engagierten und äußerst weitsichtigen Bürgermeisters, des pensionierten Lehrers Franz Josef Schürr gelang die Überwindung der Misere. Mit Herzogenaurach ging es zu beginn der 30-er Jahre wieder aufwärts.

                                      Klaus-Peter Gäbelein

Klaus-Peter Gäbelein
Autor: Klaus-Peter GäbeleinWebsite: https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus-Peter_G%C3%A4beleinE-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Koordinator für den Steinweg
Klaus-Peter Gäbelein (Pseudonym: Klaus Bedä) ist ein deutscher Autor, Historiker, Kolumnist, Mundartdichter und Moderator mit einem Schwerpunkt auf fränkischer Geschichte und Brauchtum sowie fränkischer Mundart. Er ist der Verfasser zahlreicher Werke zu Themen der Regionalgeschichte Frankens, dem fränkischen Brauchtum, sowie von Schulbüchern. Seit 1981 schreibt Gäbelein regelmäßig Artikel für die Regionalteile der in Herzogenaurach (Mittelfranken) erscheinenden Tageszeitungen und seit 1992 die Glosse „Do dud dä fei deä Oäsch weh!

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