Gesprächskreis: Spickzettel/Liebesbriefe

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Herzogenaurach. Herbert Dummer, der Leiter des Gesprächskreises „So war es früher...!" beim Heimatverein hatte sich beim letzten Treffen auf ein schwieriges Terrain gewagt. Zu seinem Thema „Spickzettel und Liebesbriefe in der Schule" waren die anwesenden Gesprächsteilnehmer gespalten in zwei Gruppen: da waren einmal die Ü-50- und 60-Jährigen, denen dieses Thema fast gar nichts sagte, dagegen die U-50er die zu diesem Thema jede Menge beitragen konnten.

„Wir waren doch immer nur aufgeteilt in Buben- oder Mädchenklassen, wem sollten wir da Briefchen während des Unterrichts schreiben", so der Tenor der Älteren. Zur Erinnerung: Herzogenaurachs Buben wurden bis 1952/53 im Knabenschulhaus in der Hauptstraße (gegenüber der Sparkasse), und teilweise in der alten Berufsschule (heute Freizeitheim) sowie im Schloss (nach 1945) unterrichtet, die Mädchen im eigenen Schulhaus am Kirchenplatz. Und selbst als man ab 1953 in die Carl-Platz-Schule umgezogen war, gab es noch getrennte Klassen von Buben und Mädchen und sogar geteilte Schulhöfe. Der oder dem Verehrten Liebesbriefe zu schreiben, wäre da ziemlich sinnlos gewesen.", so die älteren der Gesprächsteilnehmer.

„Wir wurden so streng erzogen und mussten viel auswendig lernen, wann hätte wir denn da Spickzettel einsetzen sollen?", so lautete die zusätzliche Frage. Letztere wurden erst ein illegales Mittel, um sich bessere Noten zu verschaffen, als immer mehr Herzogenauracher in das Gymnasium nach Höchstadt oder in höhere Schulen nach Erlangen wechselten.

Herbert Dummer, selbst aktiv im Schuldienst, und einige Jüngere konnten zum Thema „Spickzettel" zahlreiche Episoden und Beispiele beitragen. „Wenn man seine Pappenheimer kennt, dann sieht man schon an den Augen, wenn einer unerlaubte Hilfsmittel bei sich hat", so Herbert Dummer. Hat man früher noch fein säuberlich mit kleinster Schrift einen Zettel mit Vokabeln, Formeln oder Jahreszahlen präpariert, so übernimmt diese Funktion heute das Handy oder das iphone. Allerdings  wird in allen Schulen Wert darauf gelegt, dass elektronische Geräte vor Prüfungen gesondert deponiert werden und die Prüflinge keinen Zugang zu ihnen haben. Die Bereitstellung von unerlaubten Hilfsmitteln gilt bereits als Unterschleif und die Prüfungsarbeit wird mit der Note „sechs = ungenügend" bewertet. Bei schweren Fällen kann der Betreffende sogar von allen weiteren Prüfungen ausgeschlossen werden.  

Diejenigen, die selbst Spickzettel oder andere Spickmethoden angewandt hatten waren sich einig: Versuche, zum Spicken wird es immer geben, solange es Schüler und Schule gibt. Ein Positives hat das Schreiben eines Zettels auf alle Fälle: Man prägt sich das Geschriebene besser ein, so dass der Kassiber, selbst wenn er nicht benutzt werden kann, eine gute Gedankenstütze darstellt.

Und dann Schülerinnen und Schüler aufgepasst, beim Gesprächskreis  packten einige Spickprofis von früher aus! „Unsere Mädchen hatten bewusst bei angesagten Tests immer kurze Röcke an und im Rocksaum befanden sich die Spickzettel. Beliebte Verstecke waren Zettelchen unter der Armbanduhr oder unter einem Armreif. Gerne wurden die „Spicker" mit Bleistift auf die Tische geschrieben. Das öfters auch die Handflächen mit Formeln oder Vokabeln beschrieben waren versteht sich von selbst.

Und bei Prüfungen, die über einer längeren Zeitraum gingen, bot es sich an, die benötigten Informationen auf das mitgebrachte Essen, auf  die Verpackungen von Müsliriegel oder Schokolade, auf  die Rückseite von Wasserflaschen zu schreiben oder gar hinter das leicht abgelöste Etikett der Trinkflasche. Des Weiteren wurden Formeln oder Vokabeln auf Löschblätter oder mitgebrachtes Aufsetzpapier geschrieben und in den ausgeteilten Unterlagen versteckt. Auf die Idee, dünne Pappe unter der Bank anzukleben und als „Schublade" für unerlaubte Hilfsmittel zu benutzten kamen nur ganz ausgekochte Schüler.

Fazit des unterhaltsamen Abends: Spicken macht erfinderisch und selbst wenn die Toiletten vor oder bei Prüfungen kontrolliert werden, es wird immer Mittel und Wege geben, um sich   - wenn auch unerlaubte - Vorteile bei Prüfungen zu  verschaffen.

                                                                           gä

Klaus-Peter Gäbelein
Autor: Klaus-Peter GäbeleinWebsite: https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus-Peter_G%C3%A4beleinE-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
1. Vorsitzender Heimatverein Herzogenaurach
Klaus-Peter Gäbelein (Pseudonym: Klaus Bedä) ist ein deutscher Autor, Historiker, Kolumnist, Mundartdichter und Moderator mit einem Schwerpunkt auf fränkischer Geschichte und Brauchtum sowie fränkischer Mundart. Er ist der Verfasser zahlreicher Werke zu Themen der Regionalgeschichte Frankens, dem fränkischen Brauchtum, sowie von Schulbüchern. Seit 1981 schreibt Gäbelein regelmäßig Artikel für die Regionalteile der in Herzogenaurach (Mittelfranken) erscheinenden Tageszeitungen und seit 1992 die Glosse „Do dud dä fei deä Oäsch weh!

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