Gesprächskreis: Brillenglotzer und Brillenschlange

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Von Brillenglotzern und Brillenschlangen

Seit vielen Jahren erfreut sich der Gesprächskreis „So war es früher...!", den der Heimatverein veranstaltet, großer Beliebtheit. Hier wird vieles aus der Herzogenauracher Geschichte aufgearbeitet, was in einigen Jahren in Vergessenheit geraten sein wird.

Beim letzten Zusammentreffen ging es um das Problem „Brille". Als kompetente Gesprächspartnerin hatte man zu diesem Thema die Optikermeisterin Inge Weiß eingeladen. Unter den zahlreichen Gesprächsteilnehmern waren letztlich nur zwei Personen, die keine "Fahrrad auf der Nase sitzen hatten", denn als Nasenfahrrad hat man früher auch die Sehhilfe bezeichnet. Und die beiden „Brillenlosen" gaben freimütig zu, dass sie zu Hause auch über eine Sehhilfe verfügen, dass diese jedoch lediglich beim  Lesen getragen wird.

Die Gesprächsteilnehmer, alle jenseits der 50, berichteten dann einstimmig, dass es in ihrer Kindheit und Jugend ein Problem war, wenn man mit seiner Brille zur Schule gehen musste. Bereits auf dem Schulweg und dann in den Klassenräumen waren üble Beschimpfungen, wie „Brillenschlange" oder „Brillenglotzer" noch gemäßigte Ausdrücke, die man zu hören bekam. Mancher schämte sich so sehr, dass er die Brille lieber im Etui unter der Bank versteckte als sie zu tragen, wie es der Augenarzt verordnet hatte.

Und so quälten sich viele durch manche Jahre ihrer Schulzeit, saßen lieber in der ersten Bank und nicht wie die meisten Mitschüler in den hinteren Reihen. Manche hielten sich ein Auge zu, um den Tafeltext oder den Text im Lesebuch besser sehen zu können. Oft war eine Mahnung oder die Rüge des Lehrers die Folge: „Setz´ halt endlich deine Brille auf!" und eine anwesende Lehrkraft erzählte, dass oftmals die Eltern die Lehrer in den Sprechstunden darauf hinwiesen „achten Sie bitte darauf, dass er/sie auch die Brille im Unterricht aufsetzt."

Angeborene Sehschwächen wurden von den Augenärzten erkannt - übrigens gab es eine erste Augenärztin in der Stadt seitbEnde der 70-er Jahre. Sie praktizierte in der Plonergasse am Aufgang zur Carl-Platz-Schule. Später eröffnete dann Dr. Schreck seine Praxis am heutigen „Kreisl", die er inzwischen mit zwei Kollegen noch immer betreibt.  Für viele Herzogenauracher bedeutete dies, dass man sich die Bahn- oder Busfahrt nach Erlangen zu den Augenärzten oder in die Uni-Klinik ersparen konnte. Während es heute fünf  Augenoptiker in der Stadt gibt, hatte man vor 50 Jahren zunächst nur den Optiker Bittner - übrigens eine Zeitlang Vorsitzender des Heimatvereins. Auf ihn folgte  Optik Wagner, und zwar unmittelbar neben dem Türmers Turm. Und dann eröffnete noch der Höchstadter Optiker Buchmann eine Filiale in der Engelgasse, gleich  neben dem altehrwürdigen Mädchenschulhaus und gegenüber der ehemaligen Gaststätte „Steigerwald".

„Als meine Eltern in der Nachkriegszeit noch sparen mussten, hatte ich eine einfache Nickelbrille und dann eine „Hornbrille", sprich ein einfaches unmodernes dunkles Gestell. Das war eine sogenannte Krankenkassenbrille, die nicht viel kosten durfte, weil die Kassen nur einen geringen Betrag dazu zahlten und die auch nicht all zu viel aushielt", so ein Gesprächsteilnehmer. Und ein anderer erinnert sich: „Ich habe in jedem Jahr zwei, drei Brillen geliefert, weil die Gestelle beim Fußballspielen zu Bruch gegangen sind. Und dann gab es zu Hause nicht nur Schimpfe, sondern auch Schläge. Manchmal habe ich dann versucht, den gebrochenen Rahmen mit Azeton (aus der Apotheke) selbst wieder zu kleben."

„Früher bezahlten die Kassen gerade einmal 41.65 Mark für ein Brillengestell und rund 20 Mark für ein Brillenglas. Heute gibt es Zuschüsse nur noch für Erwachsene, und da muss man schon fast blind sein", so konnte Optikerin Weiß ergänzen. Für Heiterkeit sorgte die Erzählung eines Brillenträgers, der es ohne Sport, sprich ohne Ballspiele, nicht ausgehalten hat. „Weil meine Eltern sich weigerten ständig für Reparaturen oder neue Brillen zu bezahlen, erhielt ich eine sogenannte Sportbrille. Die sah aus wie die Gasmaskenbrillen, welche die Soldaten im Krieg tragen  mussten. Die Brille war mit Gummibändern statt mit Bügeln um die Ohren zu befestigen oder mit Bändern hinter dem Kopf zu schnüren. Das sah nicht nur grausam und „besch...eiden" aus, es hatte auch noch den Nachteil, dass die Gläser beim Schwitzen anliefen und der Schweiß ständig über die Gläser rann."

Heuten ist vieles und eigentlich alles anders: Selbst die Designerbrillen bekannter Modefirmen sind für jedermann erschwinglich. Discounter bieten Lesebrillen für wenige Euro an und in manchen Supermärkten hängen sie an den Regalen, damit die Kunden das Kleingeschriebene lesen können. Eine Brille ist inzwischen häufig ein Schönheitsattribut. Flotte und farbige Fassungen, federleicht aus Stahl oder Titan, dazu Kunststoff- und Gleitsichtgläser, deren Gewicht minimal ist, haben längst die eingeschliffenen herkömmlichen Gläser abgelöst. Man sieht flott aus und wird nicht mehr respektlos beschimpft, ja manche behaupten sogar: „Mit einer Brille siehst du intelligent aus!".

Und dazu kommt noch die moderne Medizintechnik, die heute per Laserbehandlung vielen Brillenträgern dazu verhilft, dass sie so sehen, wie es einer von ihnen auf den Nenner gebracht hat: "Nach der Augen-Operation per Laser und dank der neuen Brille habe ich erst einmal gesehen, welche Farbe unsere neue Couchgarnitur in Wirklichkeit hat". 

                                                                                                        gä

Klaus-Peter Gäbelein
Autor: Klaus-Peter GäbeleinWebsite: https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus-Peter_G%C3%A4beleinE-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
1. Vorsitzender Heimatverein Herzogenaurach
Klaus-Peter Gäbelein (Pseudonym: Klaus Bedä) ist ein deutscher Autor, Historiker, Kolumnist, Mundartdichter und Moderator mit einem Schwerpunkt auf fränkischer Geschichte und Brauchtum sowie fränkischer Mundart. Er ist der Verfasser zahlreicher Werke zu Themen der Regionalgeschichte Frankens, dem fränkischen Brauchtum, sowie von Schulbüchern. Seit 1981 schreibt Gäbelein regelmäßig Artikel für die Regionalteile der in Herzogenaurach (Mittelfranken) erscheinenden Tageszeitungen und seit 1992 die Glosse „Do dud dä fei deä Oäsch weh!

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