Gesprächskreis: 50-er u. 60-er Jahre

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Mit Jeans in der Badewanne

„Wie war das vor einem halben Jahrhundert, als die Mädchen rebellierten und statt Röcken nun Hosen tragen wollten?

Beim Heimatverein ging man im Rahmen des Gesprächskreises „So war es früher...." dieser Frage nach.

Aus den USA - woher sonst auch - , schwappte in den späten 50-ern die Hosenmode herüber nach Europa. Im Kino - und soweit vorhanden auch im Fernsehen - sah man die „Girls von drüben" in hautengen Nietenhosen. „Ich habe mich in einer Jeans in die Badewanne gelegt, damit sie hauteng anliegt und das Ergebnis war: ich habe sie fast nicht mehr vom Körper bekommen.", erinnert sich H.P. -  damals im „besten Teenager Alter". Und auch dieser Begriff war damals (1958) im verschlafenen Herzogenaurach kaum bekannt.

Aber es gab ja am Rande der Stadt die „Amis". Viele Herzogenauracher arbeiteten damals auf der Base. Über sie konnte man in der PX -soweit die Beziehungen reichten- solche Nietenhosen erwerben. Andernfalls musste man in Erlangen oder Nürnberg nach den blauen Hosen fragen, die der Buttenheimer Jude Löw Strauß im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zum Modehit gemacht hatte.

Anneliese L.s Mutter arbeitete bei den Amerikanern und besorgte ihrer Tochter eine blaue Jeanshose und dazu noch weiße Schuhe mit braunen Seitenstreifen. Das war das Höchste, was es für ein junges Mädchen zum „Stenzen" oder zum Flanieren gab. Denn ansonsten ging es in der Kleinstadt noch recht konservativ zu. Die Mädchen trugen noch „Strapsgürtel" oder Leibchen, an denen die (meist selbst) gestrickten Strümpfe eingehakt wurden, denn Nylons gab es höchsten für die Erwachsenen und noch dazu mit Naht und Zierferse. Und wehe, wenn dieselbe verrutscht war! Dann wurde gezogen und gezupft, bis die Naht wieder perfekt gerade saß. Sollte einmal eine Masche am Nylonstrumpf „gelaufen" sein, so brachte man die Strümpfe zur „Reparatur" - das nannte man damals das „Maschen Auffangen" zur Frau Hirsch am Türmersturm.

K.P. weiß zu berichten , dass die Lehrer damals die Mädchen  „auflaufen" ließen , weil sie im Schullandheim in Latzhosen erschienen waren, die noch dazu im „Feuerwehr Rot" gefärbt waren.

Die Großen, sprich die erwachsenen Frauen, trugen sonntags zum Kirchgang noch Hüte und im Winter einen Muff für die Hände sowie einen Pelz oder gar einen Fuchs- bzw. Marderpelz über dem Mantelkragen. Manchmal tat´s  auch ein Hasenfell vom heimischen Stallhasen, dessen Balg man zum „Quackerla" (Metzger Herbig) in die Störcherstraße zum Gerben gebracht hatte.

Stöckelschuhe erwarben die Damen in der Hauptsache in der Schuhfabrik vom „Schürrs Heiner" in der Erlanger Straße (heutige Augenarztpraxis).

Doch auch die Jungen standen den weiblichen Jeansfans in Nichts nach. Man legte die Knickerbocker und die karierten Wadenstrümpfe sowie die Haferlschuhe ab, schlüpfte in Jeans und trug dazu „Bomberjacken". Das waren Blousons, oftmals mit Applikationen am Rücken und frisierte sich die Haartolle wie Elvis Presley. Mit Haarcreme von Brisk oder Wella half man nach, wenn die Haare nicht so sitzen wollten, wie man wollte.

Die Schuhe steckten in spitzen Lederschuhen und mit den Eisen an Fersen und Schuhspitzen konnte auf dem heimischen Pflaster „so richtig schön klappern", - „wie die Gäul´" sagten die Erwachsenen. Die Hemdenmode wurde von langen spitzen Hemdkrägen beherrscht und zu Beginn der 60-er Jahre kamen die Nyltest Hemden in Mode. „Das waren so eklige „Kunststoffhemden, in denen man fürchterlich schwitzte, weil sie aus reinem Kunststoff bestanden", so Erwin P. „Diese knallbunten Hemden waren sicherlich leicht zu waschen aber total unfreundlich für die Haut!", so der ehemalige Postangestellte.

Während die Damenwelt das „Taft Spray" entdeckte, mit dem man die Hochfrisuren festigen konnte, legten sich die Herren der Schöpfung beim „Gaßstallbader" an der Steinernen Brücke einen „Fasanschnitt" zu, wie man den „Fassonschnitt" nannte. Derweil saß die Damenwelt in der Hinteren Gasse beim Modefriseur Fischer (heute Versicherungsagentur) zur Verschönerung.

Klaus-Peter Gäbelein
Autor: Klaus-Peter GäbeleinWebsite: https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus-Peter_G%C3%A4beleinE-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
1. Vorsitzender Heimatverein Herzogenaurach
Klaus-Peter Gäbelein (Pseudonym: Klaus Bedä) ist ein deutscher Autor, Historiker, Kolumnist, Mundartdichter und Moderator mit einem Schwerpunkt auf fränkischer Geschichte und Brauchtum sowie fränkischer Mundart. Er ist der Verfasser zahlreicher Werke zu Themen der Regionalgeschichte Frankens, dem fränkischen Brauchtum, sowie von Schulbüchern. Seit 1981 schreibt Gäbelein regelmäßig Artikel für die Regionalteile der in Herzogenaurach (Mittelfranken) erscheinenden Tageszeitungen und seit 1992 die Glosse „Do dud dä fei deä Oäsch weh!

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