Gesprächskreis: „Wie waren die Winter früher"

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Herzogenaurach (gä) Als die Winter noch Winter waren, als es jede Menge Schnee gab, als eisige Kälte herrschte und als man in der Aurachstadt noch in der Stadt rodeln konnte, daran erinnerte man sich beim Heimatverein im Rahmen des Gesprächskreises „So war es früher...".

Gesprächsleiter Herbert Dummer hatte eine Palette von Fragen vorbereitet und die Teilnehmer schwelgten in Erinnerungen. In den Schlafstuben waren im Winter die Fenster dicht mit Eisblumen besetzt, so dass man die kalte Pracht mit den Fingernägeln abkratzen konnte und das auch obwohl man zusätzlich Winterfenster angebracht hatte. Die Pumpbrunnen vor dem Haus oder im Garten waren häufig eingefroren und mussten mit heißem Wasser aufgetaut werden. Ein einziger großer Ofen in der Wohnküche heizte die Wohnung, denn in den guten Stuben wurden in der kalten Jahreszeit nur an Fest- oder Feiertagen die Öfen geschürt.

Die Kinder freuten sich über einen warmen Ziegelstein, der in Zeitungspapier oder in ein Handtuch gehüllt für ein angewärmtes Bett sorgte. „Wir haben sogar unsere Kleidungsstücke für den nächsten Tag mit ins Bett genommen und unten am Fußende für den nächsten tag vorgewärmt", so eine der Gesprächsteilnehmerinnen. Und eine andere erinnert sich, dass sich die kleinen Geschwister und die Mädchen über zusätzliche Bettjäckchen oder über Bettschuhe nachts in den eiskalten Zimmern freuten.

Bei starkem Schneefall fuhr der Fuhrmann Mauser mit zwei Pferden und einem keilförmig geformten Holzpflug durch die Straßen der Stadt. Gestreut wurde eigentlich nur auf den Gehsteigen, und zwar  hauptsächlich mit den Resten aus dem Aschekasten vom Ofen, mit Sägespänen oder mit Sand. Salz als Streumittel war in den 50-er und 60-er Jahren praktisch unbekannt. An den Straßenrändern türmten sich die Schneeberge und man konnte fast ungehindert mit dem Schlitten durch die Stadt ziehen, denn der Autoverkehr war selbst in den 50-er Jahren noch minimal.

Man nutzte dies, um mit dem Rodel vom alten Nordsternplatz (oberhalb der Bergstraße) über die Noppengasse zur Hinteren Gasse, von der Bergstraße über die Gartenstraße bis zur Würzburger Straße oder gar bis zum Freibad zu fahren und selbst am „Kirchenbergla" und am Marktplatz konnten die Jüngsten Schlitten fahren. Die besten Hänge waren jedoch am Dambach und natürlich im „Gründla" sowie am Burgstaller Hang in Richtung Schleifmühle. Manche zog es auch in Richtung Welkenbach und Hammerbach an die Schlitten „Berge".

Manchmal ging´s über künstliche Sprungschanzen und ab und zu endete die rasante Fahrt auch in einem der kleinen Bäche am Auslauf. Bis an die Knie waren die pumpartigen Schihosen dann voller Wasser gesogen. Aus Angst vor Prügeln getraute man sich nicht nach Hause und erhielt dafür seine Abreibung, weil man zu spät nach Hause gekommen ist. Die nasse Kleidung wurde schließlich am Ofen oder an der Spinne getrocknet, die am Ofenrohr angebracht war. Aber wehe, wenn die Wäsche zu nahe ans Rohr gehängt wurde - dann roch es in der Küche nicht mehr nach frischer Feuchte, sondern nach versengten Socken. 

Die hölzernen Schier wurden teilweise vom „Hollerbüchser" (Heydt, Bamberger Straße) hergestellt. Haselnussstöcke oder später „Bambusstecken" Die Schier wurden mit dem Bügeleisen der Mutter gewachst und so konnte man Abfahrt und Sprünge im „Gründla" trainieren. Außerdem organisierte Hans Gaschi Gaschbauer schon vor mehr als 50 Jahren Schifahrten per Bus ins Fichtelgebirge. Am Ochsenkopf wurden die Startnummern für die Abfahrten verteilt, doch für manchen, wie für klein Rudi, war der Hang zu steil. Er schnallte ab und lief mit weinen Brettern auf den Schultern zu Fuß ins Tal. Und die Schier? Sie hatten anfangs nur Lederriemen zur Befestigung, später dann die Federbindung, die sich um die derben Leder-Schi-Schuhe zog. Horst L. stach bei seiner Schiausrüstung aus der Masse hervor: Er besaß eine Elch lederne Kniebundhose und weiße Wadenstrümpfe.

Doch auch beim Schlittschuh Laufen vergnügte man sich. Neben den zahlreichen Weihes außerhalb der Stadt war vor allem der Wiwa-Weiher ein Anziehungspunkt für Pirouetten Dreher. Ein Problem waren dabei früher die Schlittschuhe, die man als „Absatzreißer" bezeichnete. Bevor man nämlich die heute bekannten hoch geschnürten Schuhe mit angeschweißten Kufen kannte, mussten die Schlittschuhe mit einem eigenen Schlüssel an den Winterschuhen befestigt werden und dabei gingen oft die Absätze „flöten". Gefährlich war dabei die dünne Eisschicht in der Nähe des Weiherablaufs in Höhe des Rahmbergturms (Schloss am Meer), weil man ganz leicht in den Weiher „einbrechen" konnte.

Viel Spaß hatte die Jugend auch beim Hetscheln (auf der Eisbahn rutschen), beim „Belchern" und beim „Schelchern". Beim „Belchern" wurden mit dem Absatz Löcher ins Eis gehackt und beim „Schelchern" rutschte man auf einer Eisscholle über die Eisfläche, vorausgesetzt, es war noch kein Eis von den hiesigen Brauern aus den zugefrorenen Gewässern geschlagen worden. Denn Eis wurde dringend benötigt, um das Bier in den Sommermonaten  zu kühlen oder es wurde für die privaten „Eisschränke" (Kühlschränke) verwendet.

                                                                                      gä

Klaus-Peter Gäbelein
Autor: Klaus-Peter GäbeleinWebsite: https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus-Peter_G%C3%A4beleinE-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
1. Vorsitzender Heimatverein Herzogenaurach
Klaus-Peter Gäbelein (Pseudonym: Klaus Bedä) ist ein deutscher Autor, Historiker, Kolumnist, Mundartdichter und Moderator mit einem Schwerpunkt auf fränkischer Geschichte und Brauchtum sowie fränkischer Mundart. Er ist der Verfasser zahlreicher Werke zu Themen der Regionalgeschichte Frankens, dem fränkischen Brauchtum, sowie von Schulbüchern. Seit 1981 schreibt Gäbelein regelmäßig Artikel für die Regionalteile der in Herzogenaurach (Mittelfranken) erscheinenden Tageszeitungen und seit 1992 die Glosse „Do dud dä fei deä Oäsch weh!

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